Im Wartemodus –
Afghanistans Wirtschaft

Mit dem Abzug der internationalen Truppen droht Afghanistan eine Wirtschaftskrise. Die Regierung braucht dringend Einnahmen, denn internationale Finanzhilfen machten zuletzt mehr als 95 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Mehr als zehn Jahre lang hat die Versorgung der mehr als 100.000 ausländischen Soldaten und der Bau von Kasernen, Straßen und Schulen dem Land einen Boom der Logistik- und Bauindustrie beschert. Die Wirtschaft wuchs durchschnittlich um acht bis neun Prozent. Doch damit war es zuletzt vorbei. Und das Land ist nach wie vor eines der ärmsten der Welt – auf dem Bevölkerungsentwicklungsindex der UN 2013 ist es sogar noch weiter abgerutscht: auf Platz 175. Theoretisch aber hätte Afghanistan das Potenzial zum rasanten Aufstieg. So bestätigte die amerikanische Geologiebehörde USGS Vorbefunde über „beachtliche Rohstoffvorkommen“. Das Land könnte in weniger als 20 Jahren zu den bedeutenden internationalen Anbietern strategisch wichtiger Rohstoffe wie Seltene Erden, Tantalum, Lithium, Eisen, Wolfram, Kupfer, Blei und Zink gehören. Hoffnungen ruhen vor allem auf Öl und Gas.

Baktash Safi gehört mit 25 Jahren schon zur Elite Afghanistans. Seine Familie ist eine der reichsten des Landes. Seit Generationen handelt sie mit zentralasiatischen Nachbarstaaten, im Moment vor allem mit Öl. Auch Tankstellen und Banken betreibt die Ghazanfar-Group. Firmenchef Mohammad Ibrahim Ghazanfar, Baktash Safis Onkel, hat mitten in Masar-i-Scharif ein Bürogebäude mit bläulich schimmernder Glasfassade errichten lassen

Wer das Öl hat,
hat die MachtBaktash Safi, stellvertretender Chef der Ghazanfar-Group

In einem Salon mit Aquarium und pinkfarbenen Sesseln im Louis-XV-Stil, erläutert der Firmenchef, dass Afghanistan über so viele Bodenschätze verfüge, dass es „eines der reichsten Länder der Welt werden könnte“. Der schmächtige Baktash, der acht Sprachen spricht und früher Turner war, ist seit seiner Rückkehr vom Studium aus Indien stellvertretender Chef der Ghazanfar-Group. Sein Onkel hat gerade zusammen mit einem türkisch-arabischen Konsortium die erste Ölförderlizenz für Afghanistan erworben. In diesem Jahr sollen die Bohrungen beginnen, im Jahr darauf das erste Öl fließen.

„Wer das Öl hat, hat die Macht“, sagt der Nachwuchspatriarch. Er sei froh, dass die ausländischen Truppen bald abziehen, vor allem die Amerikaner, die es nur auf die Bodenschätze Afghanistans abgesehen hätten. Angst vor einer Rückkehr der Taliban hat er nicht. Schließlich arrangierte sich die Familie schon einmal mit den Gotteskriegern, als die Ende der 1990er Jahre ihre Herrschaft auf Masar-i-Scharif ausdehnen konnten. Der Ghazanfar-Clan lebte schon immer nach seinen eigenen Regeln, egal wer unter ihm regierte – so könnte man seine Botschaft deuten.

 

Alt und Neu existieren wie hier in Kabul unvermittelt nebeneinander. Foto: dpa

Alt und Neu existieren wie hier in Kabul unvermittelt nebeneinander. Foto: dpa

 

Doch auch Diplomaten und Entwicklungshelfer in Kabul sehen die Zukunft Afghanistans nicht nur schwarz. Vor allem rechnen sie nicht damit, dass Afghanistan nach dem Abzug der Nato in einem neuen Bürgerkrieg versinkt. Als Beleg nehmen sie den Bauboom in den großen Städten. Auch viele ehemalige Kriegsherren investierten hier im großen Stil, sagen Diplomaten in Kabul, weshalb sie kein Interesse daran haben könnten, das Land wieder in Schutt und Asche zu legen. Allerdings: Ein Bauboom allein bringt noch keinen Aufschwung, und den braucht das Land, wenn die vielen jungen Schulabgänger eine Perspektive haben sollen. Davon ist in Afghanistan bisher nur wenig zu sehen.

Die einzig wirklich boomende Branche am Hindukusch ist der Drogenanbau und -Handel. Die Anbaufläche von Schlafmohn zur Gewinnung von Rohopium ist 2013 auf eine Rekordgröße gewachsen. Verglichen mit dem Vorjahr habe die Fläche in diesem Jahr um 36 Prozent auf 209.000 Hektar zugenommen, teilte das UN-Büro zur Bekämpfung von Drogen und Kriminalität (UNODC) in Kabul mit. Das ist der höchste Wert seit Beginn der UN-Erhebung 1994. Damit ist Afghanistan für etwa 80 Prozent der weltweiten Opiumproduktion verantwortlich. Ulrike Scheffer

 

Der Drogenanbau boomt - nach 13 Jahren Nato-Einsatz wird mehr Schlafmohn angebaut als je zuvor. Foto: dpa

Der Drogenanbau boomt – nach 13 Jahren Nato-Einsatz wird mehr Schlafmohn angebaut als je zuvor. Foto: dpa