Wahlen in Zeiten des Terrors

Die Afghanen scheinen unberechenbar. Im Schlechten wie im Guten. Denn trotz der labilen Sicherheitslage haben sie sich im Frühjahr 2014 gleich in zwei Wahlgängen massenhaft zur Stimmabgabe begeben und damit deutlich gemacht, dass sie auf eine friedliche Zukunft ihres Landes setzen. Viele Afghanen sind gerade jetzt optimistisch, weil sie die Chance sehen, endlich selbst über ihr Land bestimmen zu können. Präsident Hamid Karsai, der vielen als Marionette der USA galt, ist abgetreten, erstmals in der Geschichte des Landes gab es einen engagierten Wahlkampf mehrerer aussichtsreicher Präsidentschaftskandidaten.

 

Afghanistan

Nach monatelangem politischem Stillstand einigten sich die beiden Kontrahenten Ashraf Ghani (r.) und Abdullah Abdullah auf eine Regierung der nationalen Einheit. Foto: dpa

 

Der Westen hielt sich raus und wird Ende des Jahres seine Truppen aus Afghanistan abziehen. Auch das sehen die meisten Afghanen positiv, denn fehlgeleitete Drohnenangriffe und brachiale Razzien haben den Ruf der Nato ruiniert, Abu Ghraib und Guantanamo das Vertrauen in westliche Werte insgesamt erschüttert. Eine Besserung der prekären Sicherheitslage erwartet von den ausländischen Kräften ohnehin niemand mehr. Selbst westliche Helfer – und sogar hochrangige deutsche Militärs – berichten, dass in manchen Regionen, aus denen die internationalen Truppen bereits abgezogen sind, die Spannungen nachgelassen haben.

Die Afghanen haben in den vergangenen Jahren auch viele positive Entwicklungen gesehen. Während 70 Prozent der erwachsenen Afghanen Analphabeten sind, gehen inzwischen immerhin wieder mehr als die Hälfte der Kinder zur Schule. Die wenigen Universitäten des Landes platzen aus allen Nähten. In Masar-i-Scharif, wo die Bundeswehr für die Sicherheit verantwortlich war, sind 30 Prozent der Studierenden Frauen. Westliche Lebensmodelle schweben in Afghanistan freilich nur wenigen Frauen vor. Sie orientieren sich eher an Ländern wie Iran, wo zwar strenge islamische Sitten herrschen, die gesellschaftliche Stellung von Frauen im Vergleich zu Afghanistan aber deutlich besser ist. Ulrike Scheffer