Vom blauen Engel
zum Karfreitagsgefecht –
Die Geschichte der Auslandseinsätze

 Am 14. Oktober 1993 wurde der erste Bundeswehrsoldat in einem Einsatz getötet. Der Sanitätsfeldwebel Alexander Arndt wurde in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh auf offener Straße von einem Motorradfahrer erschossen. Seit seinem Tod haben sich die Bundeswehr und ihre Einsätze radikal verändert. Von den mehr als 100 deutschen Soldaten, die nach ihm im Ausland ums Leben kamen, starben fast 40 wie er durch „Fremdeinwirkung“, wie es im Bundeswehrjargon heißt. Von „Gefallenen“ sprach man 1993 noch nicht. Auch Begriffe wie Veteranen oder Krieg waren tabu. Die Bundeswehr wurde ins Ausland geschickt, um Verletzte zu versorgen oder Brunnen zu bohren. Der Krieg war noch weit entfernt.

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Zwar leistete die Bundeswehr seit 1960 rund 130 Auslandseinsätze. Vor 1990 waren es allerdings internationale unbewaffnete Hilfseinsätze. Seither in zunehmendem Maße Missionen bewaffneter Streitkräfte, die von der Entsendung von Militärbeobachtern über gewaltarme Stabilisierungseinsätze und Ausbildungsmissionen reichen bis hin zur Auftsandbekämpfung. Zeitweise standen dabei mehr als 5500 Bundeswehrsoldaten gleichzeitig in zehn verschiedenen Einsätzen, darunter Hunderte in UN-geführten Missionen. Der Preis: von 1992 bis 2013 allein 17 Milliarden Euro allein für die einsatzbedingten Zusatzausgaben.

 

Wie alles begann

Wie alles begann

Eingebrockt? Ausgelöffelt? Es war anno 1992, dass der damalige Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU, l.) ins Büro von Hans-Ulrich Klose (SPD, r.) stürmte, den geplanten UN-Krankenhauseinsatz in Kambodscha darlegte und den verdutzten SPD-Fraktionschef vor die Wahl stellte: „Wenn ihr das mittragt, gehen wir da hin, wenn nicht, dann nicht.“ Foto: dpa

Rühe in Kambodscha

Rühe in Kambodscha

Ende Mai 1992 besuchte Bundesverteidigungsminister Volker Rühe deutsche Blauhelme in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh. Es war das erste Mal, dass Bundeswehrangehörige an einer Friedensmission der Vereinten Nationen teilnahmen. Die deutschen Blauhelme - allesamt Sanitätssoldaten - trafen am 23.5.1992 in Kambodscha ein. Foto: dpa

Der erste Tote

Der erste Tote

Deutsche UN-Soldaten bewachen am 15. Oktober 1993 in Phnom Penh den Kühlcontainer mit dem Leichnam von Alexander Arndt. Der 26jährige Sanitäts-Feldwebel Arndt wurde in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh erschossen. Es ist das erste Mal, dass ein Deutscher bei einer UN-Mission im Ausland ums Leben kommt. Foto: dpa

 

Die UN-Soldaten in Kambodscha wurden „blaue Engel“ genannt. Ihr Einsatz sollte der Friedenssicherung in dem südostasiatischen Land nach mehr als zwei Jahrzehnten Krieg und Bürgerkrieg dienen. Für die Bundeswehr war die Mission ein Novum: Erstmals beteiligte sie sich im Auftrag der Vereinten Nationen an einem Friedenseinsatz. Ihr Auftrag: UN-Soldaten, aber auch Einheimische in einem Hospital mit 60 Betten in Phnom Penh versorgen. Dass die Deutschen Neulinge in Sachen Auslandseinsatz waren, zeigte sich schon an den fehlenden Uniformen für tropisches Klima. Die mussten sich die Sanitäter bei den französischen Verbündeten leihen.

Der damalige Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU) sagt in einer ersten Reaktion auf den Tod Arndts: „Wir machen jetzt die bittere Erfahrung, die andere Nationen vor uns gemacht haben.“ Wie bitter die Einsatzerfahrungen der Bundeswehr noch werden würden, ahnte damals noch niemand. Nach dem Tod Arndts werden die Bundeswehreinsätze immer zahlreicher und gefährlicher. Somalia, Bosnien, Kosovo, schließlich Afghanistan. Im Juni 2003 ist die Bundeswehr in Kabul erstmals Ziel eines Selbstmordattentats. Bei dem Anschlag auf einen Bus werden vier deutsche Soldaten getötet und 29 verletzt.

 

Tod und Verwundung sind Begleiter unserer Einsätze geworden, und sie werden es auch in den nächsten Jahren sein – wohl nicht nur in Afghanistan
Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg

Doch erst als die Gewalt eskaliert, rückt man ab vom Begriff des „Stablisierungseinsatzes“. Am „schwarzen Karfreitag“ 2010 wird die Bundeswehr in Kundus in das schwerste Gefecht ihrer Geschichte verwickelt. Drei Soldaten sterben. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg spricht anschließend unumwunden von „Krieg“. Als zwei Wochen später vier weitere Soldaten von den Taliban getötet werden, sagt er bei der Trauerfeier in Ingolstadt: „Tod und Verwundung sind Begleiter unserer Einsätze geworden, und sie werden es auch in den nächsten Jahren sein – wohl nicht nur in Afghanistan.“

Für den Befehlshaber des Einsatzführungskommandos, Generalleutnant Hans-Werner Fritz, war diese Einschätzung Ende 2013 noch gültig. Die deutschen Soldaten hätten am Hindukusch „das scharfe Ende des Berufes“ erreicht, sagte er. „Es hat Trauer gegeben, es hat Tod gegeben, es hat Verwundung gegeben. Aber auch wir haben anderen das Leben nehmen müssen. Das darf man nicht vergessen.“ Die Bundeswehr sei keine Armee der Brunnenbohrer und auch kein gepanzertes Technisches Hilfswerk, stellte der damalige Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) einmal klar. Er gehe davon aus, dass die Bundeswehr künftig eher mehr als weniger zu Einsätzen ins Ausland gerufen werden wird.

 

TRAUERFEIER IN SEEDORF NACH DEM „SCHWARZEN KARFREITAG“ IM APRIL 2010

 

 

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dagegen gibt die Devise „Ertüchtigung statt Einmischung“ für die deutsche Sicherheitspolitik aus. Mit anderen Worten: Lieber Soldaten vertrauenswürdiger Partner zur Krisenbewältigung ausbilden, statt selbst welche zu entsenden. Und lieber Waffen an diese Partner liefern, als die eigenen Soldaten schießen zu lassen. Diese sogenannte „Merkel-Doktrin“ lässt aber Fragen offen. Was sind vertrauenswürdige Partner? Welche Kriterien muss man ansetzen, wenn man über Ausbildungshilfe entscheidet? Und darf man Waffen auch in Länder liefern, deren Regierungen es mit den Menschenrechten nicht so genau nehmen? dpa