„Soldaten brauchen Begründungen für ihr Handeln – diese zu liefern,
ist Aufgabe der Politik“

Herr Wilke, wie werden heute die zentralen Inhalte des Leitbildes des Staatsbürgers in Uniform definiert?

Das Leitbild vom Staatsbürger in Uniform ist die positive Formulierung der Tatsache, dass die Armee in der Bundesrepublik kein Staat im Staate sein soll. Soldaten sollen die gleichen staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten haben, wie jeder andere Staatsbürger auch. Das ist keine Selbstverständlichkeit: in anderen Staaten haben Soldaten bisweilen viele Privilegien, zum Beispiel steuerrechtliche Vorteile beim Einkauf. Und auch was die Pflichten anbelangt, soll der Soldat möglichst den Staatsbürgern in Zivil gleichgestellt sein. Das Motto lautet: Der Vorgesetzte gewährt nicht Freiheiten nach Gutdünken, sondern die Freiheiten des Staatsbürgers in Uniform dürfen nur insoweit eingeschränkt werden, als dies dienstlich notwendig ist.

Wie tief ist das Leitbild in der Truppe verankert?

Mein Eindruck ist, dass das Leitbild sehr gut in den Köpfen und Herzen der Bundeswehrsoldaten verankert ist, auch wenn in vielen Unterrichtsgesprächen über die Forderung nach einem anderen Berufsverständnis diskutiert wird. Meine Frage lautet dann immer: „Möchten Sie eine Armee, bei der Sie Ihren Disziplinarvorgesetzten um Erlaubnis fragen müssen, wenn Sie heiraten wollen? Wollen Sie in einer Armee dienen, in der das Beschwerderecht wegfällt? Wollen Sie auf die Beteiligungsrechte verzichten, wie wir sie in der Bundeswehr haben? Wollen Sie eine Armee, in der der Vorgesetzte entscheidet, wie viel Urlaub Ihnen zusteht?“ Spätestens an dieser Stelle erkennen die Soldaten, wie sehr sie die Konzeption der Inneren Führung und das Leitbild vom Staatsbürger in Uniform verinnerlicht haben.

Wilke ist xxxx

Carl-Mathias Wilke ist Diplomkaufmann. Er war Soldat von 1975 bis 2013. Letzter Dienstgrad: Oberstleutnant; letzte Verwendung: Leiter der Zentralen Ansprechstelle für die militärische Ethikausbildung am Zentrum Innere Führung. Foto: privat

Wie lässt sich die Forderung nach dem „archaischen Kämpfer“ mit dem Leitbild in Einklang bringen, was steht dem entgegen?

Das Leitbild widerspricht nicht der Vorstellung von einem willensstarken, entschlossenen, körperlich belastbaren, taktisch denkenden und sein Waffensystem perfekt beherrschenden Soldaten. Solche Eigenschaften und Fähigkeiten sind zeitlos gültig und stellen grundsätzlich die Mindestanforderung an jeden Soldaten dar. Die jüngste Militärgeschichte in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten hat aber auch in Einsatzgebieten in drei Kontinenten gezeigt, dass diese Eigenschaften und Fähigkeiten nicht ausreichen, um in den komplexen Einsatzgebieten unter den komplexen politischen Vorgaben – national wie international – den Auftrag im Sinne des Primats der Politik durchführen zu können. Hierzu benötigt der Soldat ein gerüttelt Maß an so genannten Softskills wie zum Beispiel Mehrsprachigkeit, moralische Urteilsfähigkeit und interkulturelle Kompetenz. Das geht deutlich über den archaischen Kämpfer hinaus.

Vor welchen Herausforderungen und Problemen steht die Innere Führung angesichts der „neuen Wirklichkeit“, dass Soldaten berufsmäßig töten beziehungsweise sich der Todesgefahr aussetzen sollen?

Die Herausforderungen bestehen weniger in der Frage, ob das Berufsverständnis geändert werden müsste, sondern vielmehr darin, dass es in der Vergangenheit genügt hatte, sich mit einem verkürzten Berufsverständnis zufrieden geben zu können. In den Jahrzehnten des Kalten Krieges war es ausreichend, den Dienst an der Waffe mit der Bedrohung aus dem Osten sowie der Notwendigkeit der Landesverteidigung begründen zu können. Weitere Aspekte ins Spiel bringen zu wollen hätte vor dem Hintergrund der Geschichte nur zu kontroversen und in ihren Konsequenzen unkontrollierbaren Diskussionen geführt. Was die neue Wirklichkeit anbelangt, so gilt, dass das Töten und Getötetwerden nichts Neues ist. Diese Gefahr bestand auch zur Zeit des Kalten Krieges, wenn er eskaliert wäre.

 

Wolf Stefan Traugott </br>Graf von Baudissin

Wolf Stefan Traugott
Graf von Baudissin

Baudissin, deutscher Generalleutnant, Militärtheoretiker und Friedensforscher, war maßgeblich am Aufbau der Bundeswehr beteiligt und ist einer der geistigen Väter der Reformkonzeption der Inneren Führung, das sich am Leitbild des Staatsbürgers in Uniform orientiert. Foto: dpa

Johann Adolf </br>Graf von Kielmansegg

Johann Adolf
Graf von Kielmansegg

Kielmansegg war ein General des Heeres der Bundeswehr, der zuvor schon in der Reichswehr sowie der Wehrmacht gedient hatte. Er gehört zu den Vordenkern der Inneren Führung, einem Konzept zur Menschenführung, das unter anderem die Basis für das Selbstverständnis des Soldaten bilden soll. Foto: dpa

Karl Ernst Ulrich de Maiziere

Karl Ernst Ulrich de Maiziere

De Maizière diente in der Reichswehr, der Wehrmacht und war zuletzt General des Heeres der Bundeswehr. Ab 1951 war de Maizière am Wiederaufbau deutscher Streitkräfte in der Bundesrepublik Deutschland beteiligt und diente von 1966 bis 1972 als vierter Generalinspekteur der Bundeswehr. Er entwickelte das Konzept der Inneren Führung mit. Foto: dpa

 

Entsteht aus dem Berufsbild des Soldaten im Einsatz als einer der Politik dienenden Servicekraft, als ein Instrument der Gewaltanwendung, ein neues altes Selbstverständnis?

In der Tat könnte man den Eindruck haben, dass die Einsätze in den letzten zwei Jahrzehnten das Berufsbild des Soldaten verändert haben. Allerdings meine ich, dass man richtigerweise die Perspektive ändern muss. Nach dem 3.Oktober 1990 sind nicht „zusätzliche Aufgaben“ auf die Bundeswehr zugekommen, sondern eine Reihe von Beschränkungen weggefallen. Deutschland ist „erwachsen“ geworden, und viele Freunde und Nachbarn erwarten von uns, dass wir mit unserer Souveränität auch Pflichten und Verantwortung übernehmen. Für den Soldaten bedeutet dies, dass er weiterhin im Sinne der übergeordneten politischen Führung und innerhalb der ihm gesteckten Grenzen handelt. Der Soldat ist daher auch nicht zu einem Söldner geworden, der aus eigenem Antrieb handelt.

Driften Soldatenstand und Bürgertum wieder auseinander?

An dem ambivalenten Verhältnis der Bevölkerung zur Bundeswehr hat sich nicht viel geändert: Die Bevölkerung hat zwar starkes Vertrauen in die Bundeswehr und auch in ihre Soldaten, aber kein Interesse daran, einen eigenen Beitrag hierzu zu leisten. Die Einstellung der Bevölkerung könnte man am besten beschreiben als „gut, dass es die Bundeswehr gibt, aber bitte ohne mich“.

Wie wirkt sich die Aussetzung der Wehrpflicht aus?

Das Aussetzen der Wehrpflicht hat sicherlich deutlich erkennbare Veränderungen innerhalb der Bundeswehr mit sich gebracht. Allerdings ist die Wehrpflicht nicht, wie in der Vergangenheit immer wieder gerne behauptet wurde, der Garant dafür, dass sich bei ihrem Wegfall die Bundeswehr zu einem Staate im Staate entwickeln würde. Zum einen entscheidet darüber, welche Abgrenzungen die Streitkräfte gegenüber der Gesellschaft haben, nicht die Armee, sondern die Politik. Zum anderen sind auch die Zeit- und Berufssoldaten selbstverständlich Staatsbürger in Uniform und haben Anspruch auf die entsprechenden Rechte.

Das wäre grundlegend notwendig, damit das Leitbild und die Armee im Einsatz kein Gegensatz werden?

Entscheidend ist, dass es einen fraktionsübergreifenden Konsens in der Politik gibt, worin deutsche Interessen bestehen. Soldaten brauchen Begründungen für ihr Handeln. Sie müssen einen Sinn in ihrem Auftrag erkennen. Diesen zu liefern ist Aufgabe der Politik. Wenn sie das nicht tut, dann wird sich der Soldat seinen eigenen Sinn geben. Dies kann nicht im Interesse der Politik als Auftraggeber sein. Die Auslandszulage zu nehmen, ist legitim. Allerdings muss sich die Politik fragen lassen, ob sie damit ihre Soldaten nicht zu Söldnern degradiert.

 

„Staatsbürger in Uniform“ – historische Zitate aus Ausschusssitzungen 1953/54

General Adolf Heusinger, (1897-1982) in der 34. Sitzung, 1953: „Das Ziel muss sein: Volk und Truppe müssen eins bleiben. Es darf nicht passieren, dass die Truppe – scharf ausgedrückt – ein Fremdkörper innerhalb des Volkes wird; denn letzten Endes ist die Truppe im Zeichen des totalen Krieges ja ein Volk. (…) Truppe und Volk sind eins und müssen unter allen Umständen, wenn wir zur Aufstellung kommen, auch eins bleiben.“

Anmerkung der Redaktion: Heusinger diente insgesamt vier Armeen, dem Heer des Deutschen Kaiserreich, der Reichswehr, der Wehrmacht und der Bundeswehr, deren erster Generalsinspekteur er wurde. Es geht in Heusingers Überlegungen in erster Linie um die Mobilisierung des Volkes, zur geschlossenen Abwehr eines massiven und allgemeinen Angriffes im Zeichen der Konfrontation der Machtblöcke. Er sieht dabei aber die Schwierigkeit, die (West)-deutsche Jugend für den Dienst in den neuen Streitkräften zu gewinnen. Die Wehrpflicht war zwar beschlossene Sache, doch die Akzeptanz in der Öffentlichkeit nicht sehr hoch. Die Konzeption der Inneren Führung, des Inneren Gefüges, soll die historisch einmalige Situation eines Neuanfangs nach der Zäsur der Entmilitarisierung, nutzen und die Jugend, beziehungsweise die Bevölkerung für die neue Armee gewinnen.

General Adolf Heusinger in der 34. Sitzung 1953: „Und das dritte ist der vollwertige Soldat. Wir müssen einen Soldaten entwickeln, der dem Russen gewachsen ist, und deswegen muß der zukünftige Soldat erstens geistig aus der Notwendigkeit der Aufgabe, vor die er gestellt ist, überzeugt sein. Er muß zweitens hart erzogen sein, um der Härte des Ostens entgegentreten zu können. Er muß verantwortungsbewußt sein und dieses Verantwortungsbewußtsein muß aus der Entwicklung der freien Persönlichkeit herkommen. Und letzten Endes muß er gehorsam sein. Das sind alles die militärischen Notwendigkeiten, die wir von den Soldaten fordern müssen.“

General Adolf Heusinger in der 34. Sitzung 1953: „Die Grundsätze für die Erziehung und Ausbildung sind wieder Folgende: Erstens muß sie so gestaltet werden, daß kein Antasten der Persönlichkeit des Betreffenden erfolgt. Wir wollen die Leute nicht in ihrer Persönlichkeit brechen, um sie dann zu Soldaten zu machen, sondern wir wollen sie überzeugen, daß sie aus Überzeugung arbeiten, und das ist das oberste Leitmotiv aller erzieherischen Maßnahmen. Das hat nichts zu tun mit Weichheit, sondern es ist das, was notwendig ist und was man herausstellen muß, um tatsächlich die Entwicklung zu bekommen, die unseren Vorstellungen entspricht.“

Franz Josef Strauß (1915-1988), CSU-Politiker und jahrezehntelang Parteivorsitzender, Bundesminister unter anderem für Verteidigung, in der 38. Sitzung 1953: „Aber man kann nicht für eine anonyme Welt kämpfen: für Menschenwürde, Freiheit und Gerechtigkeit, sondern dieser Begriff muß politisch fixiert werden in einer staatlichen Institution. Nach unserer Auffassung soll jeder deutsche Staat, sei es der jetzige Kernstaat, sei es der ganze, der möglichst bald kommen soll, diese staatlichen Werte in seinem Aufbau und seiner politischen Durchführung sichern.“

Franz Josef Strauß in der 38. Sitzung 1953: „Aber ich nehme an, Sie werden mit mir übereinstimmen, daß das Militär als solches weitgehend ein neutrales Instrument ist und daß es jeweils ein Ergebnis der politischen Kräfte und der Staatsführung ist, in welchem Sinne das Militär verwandt wird und wofür das Militär da ist.“

Generalleutnant Wolf Graf von Baudissin (1907-1993), Militärtheoretiker und Friedensforscher, in der 14. Sitzung 1954: „Um seine Aufgaben erfüllen zu können, muß er wissen, wofür und wozu er Soldat ist, wo Freund und Feind stehen und wie er zu kämpfen hat. Der „blinde“ Soldat ist als Kämpfer uninteressant geworden und bei der Weltweite und Härte der Auseinandersetzung sind kleine Nester weder im Geistigen, Politischen noch Militärischen zu halten.“

Paul Bausch (1895-1981), CDU-Politiker und Mitbegründer der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft in der 36. Sitzung, 1953: „Gehorsam, Treue, Tapferkeit! Ja das sind doch lauter lebendige Menschen, die da zusammenkommen, und da erhebt sich doch sofort die Frage, wenn man das Wort Treue sagt: Wem soll man denn treu sein? Wofür soll man tapfer sein? Wem soll man gehorsam sein? Wem soll der ganze Apparat dienen? Was ist der Zweck des Kampfes? Wofür kämpft man? Sie können doch gar nicht verhindern, daß die Leute, die zu einer Wehrmacht eingezogen werden, sich die Frage stellen: Wofür diene ich jetzt? Wem gilt mein Dienst? Was ist der Zweck meines Dienstes? Diese Fragen müssen wir beantworten – darum werden wir nicht herum kommen, (…) Eine Armee, in deren Bewußtsein nicht die Erkenntnis lebendig ist, daß das sinnvoll ist, was diese Armee tut und die sich nicht darüber klar ist, wem sie dient und welchen Zweck der Dienst hat, eine solche Armee würde besser nicht aufgestellt.“

General Johann Adolf Graf von Kielmansegg (1906-2006), General des Heeres der Bundeswehr, zuvor in der Reichswehr und Wehrmacht, in der 39. Sitzung 1953: „Das halte ich für eine gute Tradition: Nämlich die Erkenntnis, wenn die Konsequenzen zu ziehen sind, wann man aus der Verantwortung einem Höheren gegenüber, dem Gewissen gegenüber, etwas nicht mehr tun kann. Das halte ich für eine gute Tradition für Geführte.“
Und weiter:
„Und für eine gute und nicht zu übertreffende Tradition für Führende halte ich die Ansprache Friedrichs des Großen vor Leuthen, (…) wenn er sagt: Ich werde etwas tun, was gegen die Regel der Kriegskunst ist!, und wo er denjenigen Generalen, die ihm nicht folgen wollten, freistellt, nach Hause zu reiten. – Das ist für mich eine gute Tradition für den Führenden, daß er nicht den Menschen zwingt, etwas gegen seine Überzeugung zu tun.“

Generalleutnant Wolf Graf von Baudissin in der 14. Sitzung 1954: „Da der Staatsbürger in Uniform bei der ganzen Situation ja nicht in Versuchung kommen wird, einen Angriffskrieg zu rechtfertigen, steht er nicht vor der Notwendigkeit, den Gegner als das Böse hinzustellen, das man liquidieren muss, sondern er wird sich gerufen fühlen, auch in dem Gegner den Menschen zu achten und zu wissen, daß es einfach Selbstaufgabe bedeutet, dem Osten „östlich“ zu begegnen.“

Generalleutnant Wolf Graf von Baudissin in der 14. Sitzung 1954: „Der Krieg kann auch kein normales Mittel der Politik oder ihre natürliche Fortsetzung sein; denn der Krieg ist ja nun wirklich unseren Vorstellungen und Einflußmöglichkeiten längst enteilt. Es kann nur noch um die letzte Verteidigung der Existenz gehen, und der Soldat hat hierbei mitzuhelfen, diesen Krieg durch einen Höchstgrad abwehrbereiter Kriegstüchtigkeit zu verhüten.“