Vom Staatsbürger in Uniform –
zum Kämpfer und Krieger

Die Bundeswehr befindet sich in einem tiefgreifenden Kulturwandel. Durch die Entwicklung von der Landesverteidigungsarmee zur global agierenden Eingreiftruppe hat sich auch das Selbstverständnis der Bundeswehrsoldaten weiterentwickelt. Zwar gibt es ihn noch, den Soldaten als Sandsackschlepper bei Hochwasser und Brunnenbohrer im Ausland, aber der Typ des militärischen Profis gewinnt, zahlenmäßig und vom Anforderungsprofil her, zunehmend an Bedeutung. Schon 2004, kurz vor seinem Amtsantritt als Inspekteur des Heeres, forderte beispielhaft für dieses neue Denken Generalleutnant Hans-Otto Budde in Abweichung vom Staatsbürger in Uniform einen neuen Soldatentypus: „Wir brauchen den archaischen Kämpfer, und den, der den High-Tech-Krieg führen kann.“

Der Soldatenberuf, über Jahrzehnte in der alten Bundesrepublik zivilisiert und entmilitarisiert, zeigt nun wieder seine spezifische Ausprägung. Die neue Qualität, die praktische Konsequenz dieses Bewusstseinswandels wurde der Öffentlichkeit schlagartig deutlich, als der Bundeswehr-Oberst Georg Klein im September 2009 den Bombenangriff auf zwei von Taliban entführte Tanklaster befahl und dabei neben dem Tod der versammelten Aufständischen auch mehr als 100 zivile Opfer in Kauf nahm. Kleins Haltung und Kleins Vorgehen widersprachen dem gewohnten Bild der alten Bundeswehr, der Armee des Kalten Krieges, als der Warschauer Pakt zwar bedrohlich hinter dem Eisernen Vorhang stand, der Ernstfall aber auf den Wachdienst mit scharfer Munition beschränkt blieb: Plötzlich zeigte sich die berechnende Kälte militärischer Logik, wie sie professionelles Militär auszeichnet.

 

Eine Foto-Ausstellung...

Eine Foto-Ausstellung...

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg im Gespräch mit dem Journalisten Christoph Reuter, der ein gutes halbes Jahr nach den Bombenabwürfen auf von Taliban entführte Tanklaster in Potsdam eine Foto-Ausstellung organisierte. Foto: dpa

...zeigt Bilder der Angehörigen...

...zeigt Bilder der Angehörigen...

Die Ausstellung zeigt Porträts der Angehörigen der vermutlich mehr als 100 zivilen Opfer des von deutscher Seite angeforderten Bombenangriffs im afghanischen Kundus vom 4. September 2009. Foto: dpa

... von Opfern des deutschen Angriffs

... von Opfern des deutschen Angriffs

In monatelanger Recherche entstanden Bilder von Schmerz, Zorn und Verwirrung, von alten Männern und von Kindern, deren Angehörige bei dem Bombardement starben, das der Bundeswehroberst Georg Klein angefordert hatte. Foto: dpa

 

Die alte Bundeswehr ist geprägt durch das Leitbild des Staatsbürgers in Uniform, das den Soldatenberuf als einen Beruf wie jeden anderen definierte. Die Parole hieß: Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen. Wer sich zwischen 1970 und 1990 als Soldat verpflichtete, konnte eines sicheren Arbeitsplatzes und Einkommens gewiss sein und wusste, dass er allenfalls bei Naturkatastrophen oder einem Angriff des Sowjetimperiums zum Einsatz kommt. Zwar wurden jahrzehntelang auf höchstem Niveau Krieg und Gefecht geübt, doch nahm die Schärfe der Ernsthaftigkeit in der Ausbildung in dem Maße ab, wie die Wahrscheinlichkeit einer bewaffneten Konfrontation zwischen Ost und West sich verringerte.

Das eigentlich Militärische, die bewaffnete Auseinandersetzung, der Krieg, das Schießen und Beschossenwerden, Töten und Getötetwerden, verschwand für die Öffentlichkeit und auch für viele Soldaten hinter der Vorstellung, dass Waffen nur zur Abschreckung und so dem Frieden dienten. Der Bürger in Uniform war außerhalb der Kaserne Mensch und Bürger wie jeder andere auch. Keine Spur mehr von der gesellschaftlichen Überbewertung des Soldatenstandes wie sie bis 1945 verbreitet war. Wo der Soldat weiterhin einen besonderen sozialen Status für seine Berufsgruppe forderte, fand er sich schnell in die rechte Ecke gedrängt.

Der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan und anderen Krisengebieten hat dem ein Ende bereitet.

Die Truppe kämpft – immer mehr Soldaten wollen kämpfen. Und sie verlangen öffentliche Anerkennung für ihren Einsatz von Gesundheit und Leben. Sie fordern für ihren Dienst mehr Respekt und Prestige und blicken neidvoll auf die US-amerikanischen Kameraden, die ein deutlich höheres Sozialprestige genießen, unabhängig von politischen und ideologischen Vorlieben und Abneigungen.

 

Ein Ort der Trauer

Ein Ort der Trauer

Die Soldaten vermissen Respekt und Anerkennung. Auf Initiative des Verteidigungsministers Franz Josef Jung 2009 wurde auf dem Gelände des Bendlerblocks ein Ehrenmal als Ort für öffentliches und privates Erinnern, Ehren und Trauern um die Toten der Bundeswehr geschaffen. Foto: dpa

Neue Orden für die Truppe

Neue Orden für die Truppe

Zum ersten Mal seit es die Bundeswehr gibt, wurden im Juli 2009 Soldaten mit einem Orden für ihre Tapferkeit ausgezeichnet. Die vier Männer hatten nach einem Selbstmordanschlag in Afghanistan verletzten Soldaten und Kindern geholfen. Foto: dpa

 

Die Einführung einer Gefechtsmedaille und die Errichtung einer Gedenkstätte für gefallene Soldaten auf dem Gelände des Berliner Sitzes des Verteidigungsministeriums wurden von der Truppe zwar als positiv, wenn auch längst überfällig aufgenommen, haben aber kaum Wirkung nach außen. Nach innen hat die Einsatzerfahrung und deren öffentliche Anerkennung eine tiefgreifende Hierarchisierung zwischen den einzelnen Truppenteilen zur Folge. Eine Bruchlinie zeigt sich, eine Kluft tut sich auf. Im Einsatz zwischen den „Drinnies und Draußies“ – also zwischen jener großen Mehrheit, die Dienst im relativ sicheren Lager tut, und jenen Wenigen, die außerhalb des Lagers unterwegs sind, Patrouillen fahren, Checkpoint bauen, in Gefechte geraten, sich dem Risiko aussetzen. Und an der Heimatfront zwischen denjenigen mit Auslandseinsatzerfahrung, die größtenteils nach dem Jahr 2000 in den Streitkräften sozialisiert wurden, und denen ohne, also vor allem jenen, die in den 80er und 90er Jahren sozialisiert wurden und noch in Ämtern, Stäben und in der Etappe das Sagen haben. Diejenigen, die im Einsatz waren, zumal, wenn sie in Kämpfe verwickelt waren, begreifen sich als die „wirklichen“ Soldaten und mucken auf. Und tatsächlich hat die Teilnahme an einem Einsatz denn auch für die Karriere eines Soldaten inzwischen eine erhebliche Bedeutung: Ohne Bewährung im Ausland keine großen Sprünge. Aber auch umgekehrt gilt: Mit Auslandseinsatzerfahrung steigt der Karrierewinkel steil an.

Die Aussetzung der Wehrpflicht
droht das Konzept zusätzlich auszuhöhlen

Die Aussetzung der Wehrpflicht hat den Prozess der Entkoppelung von militärischer und ziviler Welt weiter beschleunigt, da nun jeder Freiwillige von vornherein bereit sein muss, seine Gesundheit und sein Leben im dienstlichen Auftrag zu riskieren. Selbst wenn er nur den sicheren Arbeitgeber und die Ausbildung zum Mediengestalter sucht, bindet ihn seine Unterschrift unter die Verpflichtung, gehorsam und tapfer zu sein. Einsatz inklusive.

So wird aus dem Bürger in Uniform, der aus der Einsicht in die Notwendigkeit der Verteidigung des eigenen Gemeinwesens, der eigenen Demokratie und Freiheit gegen eine klar definierte Bedrohung durch die Armeen des sowjetisch dominierten Warschauer Paktes, der einsatzbereite Gewaltspezialist, der für alle Eventualitäten bereitzustehen hat.

 

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So sieht die Bundeswehr den Soldaten, den Staatsbürger in Uniform. Quelle: Bundeswehr

 

Dennoch bemühen sich militärische und politische Führung, das Leitbild des Bürgers in Uniform aufrecht zu erhalten und den neuen Anforderungen anzupassen. So gab es zum Beispiel den Versuch, den Begriff des Bürgers in Uniform zum „Weltbürger in Uniform“ zu erweitern und der Aussage, die deutsche Freiheit würde nun am Hindukusch verteidigt. Aber funktioniert das? Hat der einzelne Soldat ein Interesse an Afghanistan? Eine innere Motivation, sich in Afrika zu engagieren? Oder greift in der zur Berufsarmee gewandelten Bundeswehr eher eine Söldnermentalität? Gewinnt das Prinzip von Befehl (politischer Auftrag) und Gehorsam (Umsetzung durch die Streitkräfte) wieder an Boden? Was früher klar zu definieren war, der Einsatzfall, „wenn der Russe kommt, dann müssen wir uns verteidigen“, und dabei spornt die politische Überzeugung den Kampfgeist an, das ist heute vollkommen ungewiss. Wann kämpfen wir? Wo? Wofür? Das weiß kein Freiwilliger bei Dienstantritt. Im Falle eines Einsatzfalles wird er aber auch nicht mehr gefragt, ob er den für richtig oder falsch hält. Mit anderen Worten: Das Leitbild, wie es historisch einmal gedacht war, funktioniert nicht mehr. Der Staatsbürger, wenn einmal in Uniform, redet nicht mehr mit, er ist nur noch Soldat. Ob er zu kämpfen bereit, weil er von der Sache überzeugt ist, spielt keine Rolle mehr – er hat zu kämpfen.

Je näher die Truppe dem Kampfeinsatz steht, je häufiger sie im Kampfeinsatz ist, desto weniger geht es den einzelnen Soldaten um politische oder moralische Ziele, die den Einsatz des eigenen Lebens rechtfertigen sollten, desto mehr ist er nur Soldat, nur Kämpfer, nur Krieger. Es wirkt hier vielmehr die Gruppendynamik. Der Verband hat den Marschbefehl bekommen – also geht man mit, um die Kameraden nicht im Stich zu lassen. Dieses Funktionsprinzip der Kameradschaft und des Einstehens füreinander war immer schon eine wesentliche Motivation soldatischen Handelns. Sie ist es jetzt wieder. In den Trauerreden, mit denen sich die Soldaten von ihren gefallenen Kameraden verabschiedeten, finden sich kaum politische Deutungen für die gebrachten Opfer. Im Mittelpunkt der Deutungsmuster der Soldaten steht die Pflichterfüllung bis zum Letzten als zeitlose soldatische Tugend. Nicht für alle. Aber für immer mehr.

Der Kampf wird zum Selbstzweck,
die politische Sinngebung Nebensache

Erst recht, wenn die Politik bei der Sinngebung versagt. „Vom Soldaten“, sagt zum Beispiel Winfried Nachtwei, langjähriger verteidigungspolitischer Sprecher der Grünen, „wird vollster Einsatz verlangt, Gesundheit und Leben – aber in der Politik hatten wir nie jemanden, der sich voll für die Afghanistanmission eingesetzt hätte, der in der Öffentlichkeit dafür geworben und dafür eingestanden hätte“. Die Afghanistanpolitik der Bundesregierung sei vielmehr von innenpolitischen Erwägungen bestimmt gewesen, da sei rumgetürkt und schöngeredet worden. Wenn dann aber, wie geschehen, „alles den Bach runter und die Sinnhaftigkeit verloren geht“, der Auftrag nicht erfüllt, die politischen Ziele nicht erreicht werden, der ganze Einsatz nicht auch erkennbar etwas bringt, dann, sagt Nachtwei, flüchtet sich der Soldat „in die Professionalität: Wir setzen um, was wir gelernt haben, das Kriegshandwerk, und wir setzen es gut um“. Für einen Söldner, der sich dafür bezahlen lasse, eine klasse Zeit habe, Kameradschaft erlebe, wäre das ausreichend, um daraus seinen Stolz zu beziehen, sagt Nachtwei – für den Staatsbürger in Uniform aber, der aus Überzeugung gehorchen können soll, reiche das nicht.

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Innere Führung – das heißt: Der Soldat soll aus Überzeugung gehorchen können und gegebenenfalls erkennen, wenn Befehle rechtswidrig sind und sie verweigern. Foto: dpa

Die Bundeswehr befände sich damit auf dem Weg zu einer Organisation, deren wichtigste Serviceleistung die Gewaltanwendung ist, „ein Mittel zur Wahrung der Interessen des Staates“, wie es in der Heeresdienstvorschrift 100/100 heißt. Kann das, darf das das letzte Wort in Sachen „Staatsbürger in Uniform“ sein? Passen die hehren Prinzipien der „Inneren Führung“ zwar zu einer Kalte-Kriegs-Übungsarmee aber nicht zu einer, die im Einsatz steht?

In der Politik ist man sich uneins. Rainer Arnold von der SPD sagt: keineswegs. Natürlich brauche die Bundeswehr Kämpfer, aber keine archaischen. Gerade der Afghanistaneinsatz habe gezeigt, dass vom Soldaten mehr verlangt werde. Kämpfen, ja. Aber auch: die fremde Kultur verstehen, die Verhältnismäßigkeit der Mittel wahren, die manchmal rechtlich komplizierten Einsatzregeln beherrschen, deeskalierend wirken, „was man in einem richtigen Krieg zwischen Staaten nicht unbedingt muss“.

In diesem Punkt stimmt Paul Schäfer von der Linken zu: Der Bundeswehrsoldat von heute sei kein Rambo, er müsse vielmehr einem breiten Anforderungsprofil genügen, müsse auch Diplomat sein, Gespräche mit den politisch Verantwortlichen vor Ort führen, technische Fertigkeiten beim Aufbau ziviler Infrastruktur haben. Aber: In den Jahren 2009 bis 2011, als die Truppe am Hindukusch in die Enge geriet, habe er schon beobachten können, wie sich eine „gefährliche antidemokratische, antiparlamentarische Tendenz breit gemacht“ habe, die dem Motto folgte, „die reden zu viel – wir brauchen hier freie Hand“. Diese Stimmung, das ist Schäfers Sorge, könnte unter ähnlichen Umständen in ähnlicher Weise wieder aufkommen. „Wir müssen auspassen“, sagt Schäfer. Das Konzept vom Staatsbürger in Uniform stehe zwar in allen Dienstvorschriften, sei Teil des Ausbildungskanons, werde als Exportschlager beworben bei internationalen Begegnungen – aber es drohe zur bloßen Formalie zu erstarren. Spätestens dann, wenn die Truppe im wirklichen Einsatz-Leben unter Beschuss gerate, im Gefecht stehe, schieße und beschossen werde: Dann spiele die politische Bildung keine Rolle mehr, dann könnte es schwierig werden, das kritische Nachdenken als Wert hoch zu halten. Michael Schmidt