Die Revolution der Frauen

In aller Stille planen afghanische Frauen so etwas wie eine Revolution. In einem unscheinbaren Container auf dem Gelände der alten Universität in Masar-i-Scharif. Die Stadt im Norden Afghanistans, in der auch die Bundeswehr stationiert ist, hat längst eine neue Universität, doch weil der Andrang der Studenten so groß ist, wird auch das alte Gebäude aus der Sowjetzeit weiter genutzt.

Hinter der maroden Fassade mit ihrer klapprigen Fensterfront und dem gezackten Betonvordach drängen sich junge Männer und Frauen in den spartanischen Lehrräumen mit schwarzgesessenen Holzstühlen und ergrauten Vorhängen. Seit den 1980er Jahren scheint sich hier nicht viel verändert zu haben, auch nicht im Büro des Vizekanzlers mit seinen hohen mintgrünen und weißen Wänden. Einzig der mächtige Kopierer, der hier zwischen verschlissenen Holzfurnierschränken steht, zeugt von der neuen Zeit. Vielleicht steht er gerade deshalb beim Chef und nicht wie anderswo im Sekretariat.

 

Bildungsoffensive

Bildungsoffensive

Frauen auf dem Vormarsch: Immer mehr Mädchen gehen zur Schule,
immer mehr Frauen zur Uni. Foto: dpa

Neues Selbstbewusstsein

Neues Selbstbewusstsein

Junge Frauen auf der Bildungsmesse in Kabul - mit gewagtem Outfit:
Kopftuch mit Totenköpfen sieht man in Afghanistan jedenfalls selten. Foto: uls

 

11.000 Studenten gibt es derzeit in Masar-i-Scharif, 30 Prozent davon sind Frauen. Ihre Professoren haben meist selbst nicht mehr als einen Bachelor-Abschluss. Keine guten Voraussetzungen, um eine neue Elite auszubilden. Doch in dem Container im Innenhof wird genau daran gearbeitet: an einer neuen afghanischen Elite. Mit deutscher Hilfe hat die Universität hier eine kleine juristische Bibliothek für Jurastudentinnen eingerichtet, einen Rückzugsort und Treffpunkt. Auch Englischkurse speziell für Frauen werden angeboten, damit die jungen Akademikerinnen später gegenüber der männlichen Konkurrenz bestehen können. „Wer jetzt Jura studiert, ist ein Entscheider von morgen“, sagt Philipp Reder, deutscher Berater an der Jurafakultät. Wenn mehr Frauen Richterinnen oder Anwältinnen werden, so das Kalkül, dann wird sich dies irgendwann auch auf die Lage der Frauen insgesamt auswirken. Die eigentliche Revolution besteht aber darin, dass sich immer mehr Frauen für das Studium der Scharia, des islamischen Rechts, einschreiben. In der juristischen Fakultät gibt es dafür einen eigenen Zweig, denn Scharia-Richter haben einen festen Platz im afghanischen Rechtssystem.

 

 Amina Hashimi will den Männern nicht die Deutungshoheit über die Scharia überlassen. Foto: Wendle/GIZ

Amina Hashimi will den Männern nicht die Deutungshoheit über die Scharia überlassen. Foto: Wendle/GIZ

„Wir dürfen den Männern nicht die Deutungshoheit über die Scharia überlassen“, sagt Amina Hashimi, die gemeinsam mit anderen Jurastudentinnen den Nachmittag in der kleinen Frauenbibliothek verbringt. Sie alle sind Anfang 20 und tragen ihr schwarzes Kopftuch straff gebunden, damit kein Haar herausschaut. Auch ihre bodenlangen dunklen Mäntel lassen keine Spekulationen über das Darunter zu. „Wir wollen nicht, dass der Westen kommt und uns von der Scharia befreit“, sagen sie. „Afghanistan ist ein islamisches Land, und deshalb wollen wir nach islamischen Gesetzen leben.“ Tatsächlich seien Frauen in der Scharia gleichberechtigt, die Taliban und andere Fundamentalisten würden den Islam und die Scharia aber missbrauchen und gegen die Frauen auslegen. Witwen etwa stünden oft völlig mittellos da, weil männliche Verwandte ihnen ihr Land wegnähmen – mit der Begründung, Frauen dürften nicht erben. Die Scharia-Richter, die in solchen Fällen oder auch bei Scheidungen angerufen werden, gäben ihnen meist Recht. „In Wahrheit ist in der Scharia das Erbrecht von Frauen aber ausdrücklich festgeschrieben“, erklärt Amina Hashimi. Die Revolution der Scharia-Studentinnen setzt ganz unten an. Ulrike Scheffer

 

Das Wahlrecht der Frauen ist jetzt auch in Afghanistan in der Verfassung verankert. Foto: dpa

Das Wahlrecht der Frauen ist jetzt auch in Afghanistan in der Verfassung verankert. Foto: dpa