Operation Halmasag –
Die erste deutsche Offensive
seit dem Zweiten Weltkrieg

Lange Zeit gab es für die Bundeswehr kaum Erfolge aus dem Gebiet Kundus zu vermelden. Das ändert sich im November 2010 mit der Operation Halmasag (Dari für „Blitz“). Diese „Blitz“-Operation markiert eine Zäsur. Es war die erste deutsche Offensive seit dem Zweiten Weltkrieg. Sie war zugleich die größte Militäroffensive der Bundeswehr in Afghanistan. Und sie ist das herausragende Beispiel für jenen Strategiewechsel, der mit der Übernahme des Isaf-Kommandos durch US-Gerneral Petraeus eingeleitet wurde. Fortan ging es um Auftstandsbekämpfung, Partnering, das heißt um gemeinsame Offensivoperationen von Truppen der afghanischen Sicherheitskräfte (Armee, Polizei, Geheimdienst) und der Internationalen Schutztruppe, konkret: um den Aufbau eines Außenpostens nahe der Ortschaft Quatliam im Distrikt Char Darah.

Aufständische wurden erfolgreich verdrängt

Es gelang der Bundeswehr, die Aufständischen aus dem gefährlichsten Distrikt Nordafghanistans zu großen Teilen zu verdrängen. Es gebe nun auch in Char Darah „Räume, aus denen die Taliban weitestgehend raus sind“, sagte der Kommandeur der Internationalen Schutztruppe Isaf für den Norden, Generalmajor Hans-Werner Fritz. „Hier tragen auch unsere Operationen Früchte, die wir sehr konsequent geführt haben, zusammen mit unseren afghanischen Partnern.“

Char Darah liegt westlich des deutschen Feldlagers in der Provinz Kundus. Der Distrikt war lange Zeit von den Taliban dominiert und heftig umkämpft. Im September 2009 ließ die Bundeswehr in dem nun eroberten Gebiet zwei von Aufständischen entführte Tanklaster bombardieren. Dabei wurden mehr als hundert Menschen getötet oder verletzt. Am Karfreitag 2010 starben in der Gegend drei deutsche Soldaten bei heftigen Gefechten mit den Taliban.

 

 

Ende Oktober ging die Bundeswehr gemeinsam mit der afghanischen Armee im Süden Char Darahs in die Offensive und startete die Operation. Auch belgische und amerikanische Truppen waren unter den insgesamt rund 480 beteiligten Soldaten. Die schweren Kämpfe dauerten vier Tage. Bei dem Gefecht im Herbst 2010 wurden auch Artillerie, Kampfflugzeuge, Schützenpanzer und Kampfhubschrauber eingesetzt. Mehrere Taliban wurden getötet, andere Aufständische wechselten die Seiten. In den Reihen der Bundeswehr gab es zwei Leichtverletzte. Die Bundeswehr setzte schwere Artillerie ein und forderte mehrfach Luftunterstützung an.

ARD berichtet von verschwiegenen zivilen Opfern

Über zivile Opfer habe man keine Erkenntnisse, beteuerte die Bundeswehr stets. Nach Informationen des ARD-Magazins Monitor kamen jedoch bis zu 27 Zivilisten ums Leben. Das Magazin stützt sich bei seinen Recherchen auf die Angaben von Zeugen, Angehörigen der Opfer sowie afghanischen Regierungsbeamten. Auch der beteiligte Bundeswehrsoldat und Buchautor („Vier Tage im November“), Johannes Clair, hält zivile Opfer bei der Bundeswehr-Offensive für „sehr wahrscheinlich“. „Angesichts der Tatsache […] dass es um ein Gebiet ging, dass fünf Dörfer umfasste, in denen unmittelbar Gefechtshandlungen stattgefunden haben, halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass entweder Zivilisten noch in diesem Bereich waren oder auch welche getroffen worden sein könnten“, berichtet der ehemalige Soldat. Die verteidigungspolitische Sprecherin der Grünen, Agnieszka Brugger, forderte dringend Aufklärung. „Es stellt sich die Frage, ob man hier nicht so genau hinschauen konnte oder nicht so genau hinschauen wollte, ob es zu zivilen Opfern gekommen ist“, sagte sie.

Die Lage blieb dennoch angespannt

Ein Beleg für die Erfolge in Char Darah war, dass eine lange existierende Stellung der Bundeswehr, die so genannte Höhe 431, aufgegeben werden konnte, weil „der Sicherheitskreis weiter gezogen werden konnte“, wie es im Isaf-Hauptquartier hieß. Der Bundeswehr-Sprecher in Kundus sagte, alles verwertbare Material sei von der Anhöhe entfernt worden, die Stellung werde nun „geschleift“. In dem Ort Quatliam sei ein neuer Außenposten errichtet worden.

Unsicher und angespannt blieb die Lage insgesamt jedoch auch danach. Bei einem Sprengstoffanschlag auf den Bürgermeister der Stadt Kundus wurden dessen Bruder und ein Kandidat für die Parlamentswahl getötet. Die steigende Zahl von Gefechten und Anschlägen sei aber auch darin begründet, dass die Stärke der internationalen Truppen verstärkt wurde, bevor die Abzugsvorbereitungen begannen. „Wir können jetzt auch in Bereiche reingehen, wo wir vorher nicht reingehen konnten“, sagte Fritz. Dass sich die Taliban wehrten, sei eine „ganz normale Reaktion“. Michael Schmidt