Oberst Klein und die Kundus-Affäre

Es war die blutigste deutsche Militäraktion seit 1945: Die Bombardierung zweier Tanklaster in Kundus am 4. September 2009, bei der weit über 100 Menschen starben. Den Befehl dazu gab der damals 48-jährige Bundeswehr-Offizier Oberst Georg Klein. Klein galt als ruhig und besonnen, akribisch, menschlich, kunstsinnig. Kein Draufgänger, kein Haudrauf, keiner, der sich Entscheidungen, schon gar über Leben und Tod leicht machte. Wer ihn kannte, sagte damals, der Oberst trage schwer an dem Vorwurf, der nicht nur in Deutschland, sondern international erhoben wurde, verantwortlich für ein verheerendes Fiasko zu sein, schuld an einem Einsatz, der zahllose Zivilisten das Leben kostete.

Oberst Klein galt als besonnen, nachdenklich, sensibel. Foto: dpa

Oberst Klein gilt als besonnen. Foto: dpa

Klein kommt aus Bendorf am Rhein, aus einer Familie mit sechs Kindern, einem Vater bei der Wasserschutzpolizei und einem Bruder, der schon vor ihm Berufssoldat geworden war. 1980 machte er sein Abitur am Gymnasium Bendorf; bereits im Jahr vorher hatte er sich beim Bund verpflichtet, Offizierslaufbahn, zwölf Jahre. Er studierte Wirtschaftswissenschaften an der Bundeswehrhochschule in Hamburg, übernahm eine Panzerkompanie in Hessen, und während viele „Zwölfender“ nicht beim Bund bleiben, eigentlich nur das gut bezahlte Studium mitnehmen wollen, hatte Klein mit dem Beruf auch eine Berufung gefunden.

Klein ist eines von sechs Kindern eines Beamten bei der Wasserschutzpolizei. Ein älterer Bruder wurde schon vor ihm Berufssoldat. Georg Klein machte 1980 Abitur. Bereits ein Jahr vorher, also 1979, verpflichtete er sich für zwölf Jahre bei der Bundeswehr. 2009 diente er im Rahmen des 20. deutschen Isaf-Kontingents und ab 5. April 2009 als Kommandeur des PRT Kundus. Nach „Spiegel-Online“-Informationen im Mai 2009 äußerte er sich zu der verschärften Gefahrensituation im Rahmen des Wiederaufbaueinsatzes in Afghanistan wie folgt: „Wir werden mit der Härte, die geboten ist, zurückschlagen.“

 

Nach Nato-Informationen kamen bis zu 142 Menschen bei dem Angriff ums Leben, darunter zahlreiche Zivilisten. Foto: dpa

Nach Nato-Informationen kamen bis zu 142 Menschen bei dem Angriff ums Leben. Foto: dpa

 

Nach der Bombardierung schwieg Klein zunächst – dann verteidigte er seinen Entschluss. Die Aktion sollte einer möglichen Verwendung der Tanklast-Fahrzeuge zu Angriffszwecken vorbeugen: Er wollte sie zerstören, um Menschenleben zu retten, auch seine Soldaten. Er berief sich auf eine unmittelbare Bedrohung, die von den Tankern ausgehe, weil sie als fahrende Bomben benutzt werden könnten. Wer ihm wohl wollte, wies darauf hin, dass in der Tat kein Jahr am Hindukusch so kritisch war wie 2009: Noch nie wurde die Bundeswehr so häufig angegriffen, noch nie waren die Attacken so gut geplant, noch nie war der Krieg der Taliban so gezielt gegen die Bundeswehr gerichtet. Es wurde immer schwieriger, die Fronten klar zu trennen: wer ist Freund, wer ist Feind, wer ist Zivilist, wer ist Kämpfer? Die Grenze zwischen Richtig und Falsch verschwamm, die Bundeswehr lernte gerade das Kämpfen ums Überleben. Jeden Tag war mit Toten zu rechnen. Vor diesem Hintergrund hielt Klein auch nach nochmaligem Drübernachdenken, den Befehl zur Bombardierung der entführten Tanklaster für verhältnismäßig und angebracht.

 

Mörder?

Mörder?

Der Versuch, Oberst Georg Klein wegen Mordes anzuklagen, wurde durch das Oberlandesgericht Düsseldorf zurückgewiesen. Foto: dpa

Protest

Protest

Dieser Junge protestiert - in seinen Augen hat Oberst Klein mit seinem Befehl zum Bombardement seinen Bruder getötet. Foto: dpa

 

Andere sahen das anders. Stanley McChrystal, der amerikanische Isaf-Kommandeur, wollte ihn nach der tödlichen Attacke am liebsten sofort ablösen, hieß es aus Nato-Kreisen. Der Deutsche Bundestag setzte einen Untersuchungsausschuss ein. Dabei äußerte Klein in seiner Aussage, dass er sich als Christ Vorwürfe mache, dass durch sein Handeln Frauen und Kinder gestorben seien. „Im Einsatz stehst Du mit einem Bein im Grab und mit dem anderen im Gefängnis.“ Dieser in der Truppe weitverbreitete Spruch war auch auf Klein gemünzt. Die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe nahm Ermittlungen wegen des Verdachts auf ein Kriegsverbrechen auf. Als sie sie im April 2010 einstellte, war die Genugtuung unter Soldaten groß. Im Februar 2011 wurde auch der Versuch, Oberst Georg Klein wegen Mordes anzuklagen, durch das Oberlandesgericht Düsseldorf zurückgewiesen. Auch die durch den Inspekeur des Heeres eingeleiteten Vorermittlungen zu einem Disziplinarverfahren wurden eingestellt.

 

Letztendlich können Sie nie wissen, ob Sie einen Taliban erwischen oder ob Sie einen Zivilisten erwischenEin in Afghanistan eingesetzter deutscher Soldat

 

Endlich gebe es „Handlungssicherheit“, sagte ein gefechtserprobter Soldat. Der Zugführer habe nun bei schwierigen Entscheidungen im Gefecht die Sicherheit, „dass er nicht sofort eingekerkert wird.“ Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, hatte bereits zuvor darauf hingewiesen, welche Bedeutung der Fall Klein für die Truppe in Afghanistan hat. Viel wichtiger als der Untersuchungsausschuss des Bundestags sei für sie die Frage, was mit Klein passiere. „Das beschäftigt wirklich alle. Oberst Klein ist zu einer Art Symbolfigur geworden“, sagte Kirsch. „So, wie er behandelt wird, so fühlen sich alle Soldatinnen und Soldaten behandelt, die in die Einsätze gehen im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland.“ In der Truppe war vom „Oberst-Klein-Syndrom“ die Rede. Diese innere Barriere sei den Taliban sehr wohl bekannt. Deswegen greifen sie die deutschen Patrouillen meistens in oder in der Nähe von Ortschaften an, verschanzen sich in Gehöften und wechseln ihre Stellungen unbewaffnet – auch dann darf nicht auf sie geschossen werden. „Regelmäßig sehen wir, dass der Gegner zivile Personen und Kinder als Schutzschild nutzt“, sagte der Kommandeur der „Quick Reaction Force“ der Bundeswehr in Afghanistan, Oberst Michael Matz: „Das ist das Dilemma, dem jeder gegenübersteht: Wo ist der Gegner, und wer ist der Gegner?“ Das berichtet auch ein Soldat, der bei den blutigen Gefechten am Karfreitag mit drei Toten auf deutscher Seite dabei war. „Letztendlich können Sie nie wissen, ob Sie einen Taliban erwischen oder ob Sie einen Zivilisten erwischen“, sagt er.

Die Opfer des Bombardements kämpften für eine Entschädigung – vergeblich.

Georg Klein wurde zum Brigadegeneral befördert. Michael Schmidt

 

Der Bremer Rechtsanwalt Karim Poipal, der selbst in den 70er-Jahren aus Afghanistan nach Deutschland floh, verklagt die Bundesregierung auf Schadensersatz - doch das Landgericht Bonn wies  die Forderungen von Hinterbliebenen des Luftangriffs bei Kundus zurück. Foto: dpa

Der Bremer Rechtsanwalt Karim Popal (r.v.l.), der selbst in den 70er-Jahren aus Afghanistan nach Deutschland floh, verklagt die Bundesregierung auf Schadensersatz –
doch das Landgericht Bonn wies die Forderungen von Hinterbliebenen des Luftangriffs bei Kundus zurück. Foto: dpa