Murat Kurnaz –
1725 Tage Guantanamo-Häftling

Fünf Jahre seines Lebens hat Murat Kurnaz im US-​Gefangenenlager Guantanamo verbracht. Waterboarding. Isolationshaft in Hitze-​ und Kältekammern. Schlaf-​ und Essensentzug. Schläge. Schikane. Sein Glaube führte ihn damals, 2001, wenige Wochen nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York, aus seiner Heimatstadt Bremen in Koranschulen nach Pakistan, wo man ihn festnahm als vermeintlichen Gotteskrieger. Sein Glaube half ihm, Guantanamo zu überstehen, sagt er.

Murat Kurnaz wurde am 19. März 1982 in Bremen geboren. Er machte einen Hauptschulabschluss und begann eine Ausbildung als Schiffsbauer. Er war als Jugendlicher so normal, dass man ihn wohl als Beispiel für die gelungene Integration eines in Deutschland geborenen Türken bezeichnen konnte. Wenn das damals jemanden interessiert hätte. Murat Kurnaz‘ Vater war in den 70er Jahren nach Deutschland gekommen, um hier mit harter Arbeit etwas Wohlstand zu schaffen. Nachtschichten als Schweißer bei Daimler-​Chrysler, ein Knochenjob. Mutter Rabiye war 1971 mit 13 Jahren ihren Eltern in die Bundesrepublik gefolgt. Die Familie lebte ein unauffälliges, durchschnittliches Leben.

 

Amerikas Schande

Amerikas Schande

Wie hunderte andere Gefangene sitzt Murat Kurnaz, den deutsche Medien als "Bremer Taliban" verunglimpfen, lange im US-Gefängnis in Guantanamo Bay
auf Kuba ein. Foto: dpa

Kurz nach der Freilassung

Kurz nach der Freilassung

Kurnaz und seine Mutter Rabiye im Jahr 2006. Der damals 24-Jährige war eine Woche zuvor nach viereinhalb Jahren US-Haft zurückgekehrt -
und jetzt das erstemal im Fernsehen. Foto: dpa

 

Bei vielen Islamisten gibt es in der Biografie einen Bruch. Oft durch ein religiöses Erweckungserlebnis, inszeniert durch einen geistlichen Menschenfänger, wie sie in jeder Religionsgemeinschaft zu finden sind. Was mit Kurnaz geschehen ist, was ihn verändert hat, ist nicht ganz klar. Im Sommer 2001 heiratet er in der Türkei die Tochter der Nachbarn seiner Tante. Damals trägt er schon einen Vollbart und gibt sich zunehmend religiös. „Murat war einer, der nicht so genau wusste, wo er hin will“, hat ein Freund einmal über ihn gesagt. Unstet, naiv, vielleicht auch etwas labil, wird Kurnaz anfällig für extreme Lebensentwürfe. Die äußeren Anzeichen: Vollbart, muslimische Kopfbedeckung. Murat Kurnaz ist von einem Prediger der Bremer Abu -​Bakr-​Moschee radikalisiert worden. Möglicherweise kommt Kurnaz im Sommer 2001 sogar in Kontakt mit Mohammed Haydar Zammar, dem damals in Hamburg lebenden Deutschsyrer mit Kampferfahrung -​ und mit viel Einfluss auf die Gruppe um Mohammed Atta, den späteren Anführer der Attentäter des 11. September.

 

Bei Beckmann

Bei Beckmann

Im Oktober 2006 sitzt Kurnaz als Gast in der ARD-Talkshow "Beckmann".
Thema sind unter anderem die von dem ehemaligen Guantànamo-Häftling erhobenen Misshandlungsvorwürfe gegen zwei deutsche Soldaten. Foto: dpa

Im Untersuchungsausschuss

Im Untersuchungsausschuss

Im Januar 2007 wird Kurnaz vom BND-Untersuchungsausschuss befragt,
um zu klären, ob die frühere Bundesregierung im Oktober 2002 ein Angebot der USA zur Freilassung von Kurnaz zurückwies. Foto: dpa

 

Jedenfalls rechtfertigt Kurnaz gegenüber Mitschülern den Terrorangriff auf die USA als „Willen Allahs“. Und auf seinem Handy soll er das Wort „Taliban“ als Hintergrundbild gespeichert haben. Die afghanischen Islamisten hat Kurnaz offenbar bewundert. So sehr, dass es ihn 2001 nach Pakistan zieht, wo die Taliban bis heute enormen Rückhalt genießen. Am 3. Oktober 2001 fliegt er von Frankfurt am Main nach Pakistan, in die Hafenstadt Karatschi. Sein türkischer Freund, der mitkommen will, wird vom Bundesgrenzschutz am Flughafen abgefangen. Gegen den Mann liegt ein Haftbefehl vor, weil er eine Geldstrafe nicht gezahlt hat. Der BGS ruft die Eltern des Inhaftierten an -​ und erfährt, der Sohn habe nach Afghanistan reisen wollen, um gegen die Amerikaner zu kämpfen. Da ist Kurnaz schon weg. Am 11. Oktober 2001 leitet die Staatsanwaltschaft Bremen ein Ermittlungsverfahren gegen Kurnaz, seinen Freund und weitere Personen ein -​ wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung. Im Fall Kurnaz wird das Verfahren ein Jahr später vorläufig eingestellt, „wegen Abwesenheit des Beschuldigten“. Da sitzt er bereits in Guantanamo.

2002: Kanzleramtsminister Steinmeier
lehnt eine Rückkehr von Kurnaz ab

Im November 2001 wird er in Peschawar festgenommen. Pakistanis hätten ihn für 3000 Dollar an die Behörden „verkauft“, sagt Kurnaz Ende 2006 der türkischen Zeitung „Hürriyet“. Wäre er, wie tausende Islamisten aus aller Welt, professionell von Taliban oder Al Qaida rekrutiert worden, hätte die Reise einen anderen Verlauf genommen, sagen Sicherheitsexperten.

Die Amerikaner, die Kurnaz von den Pakistanis übernehmen und in Afghanistan einkerkern, halten ihn jedoch für gefährlich genug, um ihn nach Guantanamo zu verfrachten. Dort erlebt Kurnaz die Hölle -​ viereinhalb Jahre lang. Und er sei in Afghanistan, sagt Kurnaz, von Soldaten der deutschen Eliteeinheit KSK misshandelt worden. Dennoch erklärt er in Guantanamo gegenüber der CIA und angereisten Beamten des BND seine Bereitschaft zum Einsatz als V-​Mann. Als der damalige Chef des Bundeskanzleramts, Frank-​Walter Steinmeier, und die Leiter der Sicherheitsbehörden im Oktober 2002 eine Spitzeloperation sowie die Rückkehr von Kurnaz in die Bundesrepublik ablehnen, entlassen ihn die USA nicht -​ auch nicht in seine Heimat, die Türkei. So blieb er in Guantanamo -​ insgesamt 1725 Tage, bis zum August 2006. Als er zurückkehrte nach Bremen, war er abgemagert, trug die Haare lang, den Bart noch länger. Es dauerte, bis er das Image des „Taliban von Bremen“ loswurde, das ihm die Medien verpasst hatten.

 

Murat Kurnaz heute. Die Haare kurz geschnitten, der Bart ist ab, der Oberkörper trainiert und fast so breit wie hoch. Kurnaz ist zum zweiten Mal verheiratet, Vater von zwei Kindern. Foto: dpa

Murat Kurnaz heute. Die Haare kurz geschnitten, der Bart ist ab, der Oberkörper trainiert
und fast so breit wie hoch. Kurnaz ist zum zweiten Mal verheiratet, Vater von zwei Kindern. Foto: dpa

 

Heute denkt niemand, der ihn sieht, an die Taliban. Die blonden Haare sind kurz geschnitten und gegelt, der Bart ist ab, der Oberkörper trainiert und fast so breit wie hoch. Kurnaz ist zum zweiten Mal verheiratet, Vater von zwei Kindern. Er lebt noch immer in Bremen, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Er ist noch immer gläubig. Und er ist aktiv für die Menschenrechte. In Zusammenarbeit mit Menschenrechtsorganisationen wie „amnesty international“ reist er durch die Welt, um an die „Verlorenen“, wie sein Anwalt Bernhard Docke sie nennt, zu erinnern, die noch immer in Guantanamo sitzen. Und weil er über die „Geheimgefängnisse“ bei US-​Verbündeten aufklären will. Nebenbei baut Kurnaz einen Verein auf, der kriminellen Jugendlichen helfen soll. Ein Buch über seine Haft hat er auch verfasst: „Fünf Jahre meines Lebens. Ein Bericht aus Guantanamo“. Bei zwei Dokumentarfilmen hat er mitgewirkt, samt Berlinale-​Besuch. Und es wurde ein Spielfilm über ihn gedreht. Der Gastarbeitersohn ist also fast zum Star geworden. Aber einer ohne Allüren. Ohne Wut. Aber mir Spott und Verachtung, vor allem für den damaligen Kanzleramtschef Frank-​Walter Steinmeier (SPD). Die Amerikaner hatten signalisiert, dass sie ihn freilassen könnten, auch deutsche Geheimdienstler hielten ihn für unschuldig – aber ausgerechnet Rot-​Grün wollte ihn nicht wieder einreisen lassen. Steinmeier und andere stuften ihn aufgrund zweifelhafter Indizien weiterhin als „Gefährder“ ein. Erst CDU-​Kanzlerin Angela Merkel sorgte 2006 für seine Freilassung. Auf Schadenersatz oder auch nur eine Entschuldigung wartet Kurnaz bis heute. „Aber ich vergeude meine sehr wertvolle Zeit nicht, indem ich auf Steinmeier oder irgendwelche unwichtigen Menschen sauer bin“, sagt er mit ruhiger Stimme. Veronika Frenzel/Frank Jansen

 

Mit Sascha Alexander Geršak zur Premiere des Films "5 Jahre Leben", im Mai 2013 in Berlin. Foto: dpa

Mit Sascha Alexander Geršak zur Premiere des Films „5 Jahre Leben“, im Mai 2013 in Berlin. Foto: dpa