Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Es war im Winter 2013. Wir saßen mit einem hohen Offizier der Bundeswehr zusammen. Ein Gespräch „unter drei“, für das absolute Vertraulichkeit vereinbart worden war. Es ging um Einsätze des Kommandos Spezialkräfte (KSK), um Geheimaktionen im Nahen Osten. Auf einmal machte der Offizier eine Andeutung. Im Ministerium herrsche eine „Afghanistan-Connection“.
Was sollte das sein? Mit sparsamen Sätzen skizzierte der Mann, wie sich in zwölf Jahren Afghanistaneinsatz eine Machtstruktur entwickelt habe, durch die die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik gelenkt werde. Strategien, Ausrüstung, Ausbildung. Alles werde durch eine Afghanistan-Brille gesehen. Konnte das sein? Für uns hatte der Mann ein eingängiges Bild gefunden, mit dem er Verkrustungen und Fehlentwicklungen bei der Bundeswehr zu beschreiben versuchte. Aber eine echte Connection? Unsere Neugier war geweckt, und wir begannen tiefer und tiefer zu recherchieren.
Fast ein ganzes Jahr fraßen wir uns hinein in die Strukturen der obersten Bundeswehr-Führung. Wir studierten Organigramme des Ministeriums, legten Ordner an mit den Biografien von hohen Militärs, verglichen ihre Werdegänge, suchten nach Übereinstimmungen in den individuellen Karrieren. Wir durchforsteten Stapel von ministeriellen Verordnungen, von kleinen Anfragen und Antworten der Bundesregierung, Dutzende von vertraulichen Papieren. Erlasse des Generalinspekteurs, interne Ausbildungsunterlagen der Truppe. Wir werteten Tabellen aus, in denen die Personalentwicklung im Verteidigungsministerium nachgezeichnet wurde. Wir trafen Afghanistan-Veteranen, sprachen vertraulich mit hohen Militärs. Nach und nach verstanden wir, wie die Teilstreitkräfte im Rahmen der laufenden Reform Macht verloren, und wie die oberste Ministeriumsspitze immer mächtiger wurde. Wir studierten die Unterrichtungen des Parlaments aus Afghanistan und merkten, wie mit Auslassungen und Halbinformationen das Bild vom Afghanistankrieg immer wieder verzerrt wurde.

Immer detaillierter entwickelte sich vor unseren Augen eine Struktur, die leider sehr real ist. Nach einem Jahr Recherchen können wir sagen: Es gibt sie wirklich, die Afghanistan-Connection.

 

Von Markus Frenzel (ARD-Magazin FAKT) und Michael Schmidt (Tagesspiegel)