Karl-Theodor zu Guttenberg –
Der erste, der von „Krieg“ spricht

Karl-Theodor zu Guttenberg wurde am 28. Oktober 2009 Verteidigungsminister. Er war der jüngste Verteidigungsminister in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland – und auch sonst Anwärter auf manch einen Superlativ. Keiner vor ihm und keiner nach ihm hat die politischen Bretter, die die Welt bedeuten, keiner hat wie er, der Baron, den Bendlerblock als eine Bühne begriffen, auf der es gilt, sich in Szene zu setzen, aufzufallen als etwas Besonderes, Eigenes, Unverwechselbares. KT, wie er alsbald nur noch genannt wurde, erscheint im Rückblick vor allem als eines: ein genialer Selbstdarsteller in einem Stück, das seinen Namen trägt. Doch es ging um mehr. Auch ihm. Zumindest anfangs.

 

Das Leben ist eine Bühne - und er der Hauptdarsteller: Karl-Theodor zu Guttenberg posiert in New York am Times Square. Foto: dpa

Das Leben ist eine Bühne – und er der Hauptdarsteller:
Karl-Theodor zu Guttenberg posiert in New York am Times Square. Foto: dpa

 

Der Freiher entstammt dem sehr vermögenden fränkischen Adelsgeschlecht Guttenberg. Seine Eltern sind der Dirigent Enoch Freiherr von und zu Guttenberg und Christiane, geborene Gräfin von und zu Eltz. Seit dem Jahr 2000 ist Karl-Theodor mit Stephanie Gräfin von Bismarck-Schönhausen verheiratet.

Binnen zwei Jahren, zwischen 2009 und 2011, schaffte Guttenberg den Aufstieg vom einfachen Abgeordneten zum Bundesminister, und genauso schnell, wie er aufstieg, wurde er zur Projektionsfläche für die Hoffnungen und Sehnsüchte vieler Bürger, die sich von der Politik abgewandt hatten. Auf einmal war da einer, der anders war. Der glaubwürdig schien. Dem niemand etwas anhaben konnte – nicht die Opposition und nicht die Medien. Dann brachte sich dieser Mann, der zwischenzeitlich gar als möglicher Nachfolger für Kanzlerin Angela Merkel gehandelt wurde, zu Fall. Und mit ihm scheiterte die Fiktion des Glaubens an das Leichte, Schöne, Gute in der Politik.

Was war passiert?

Guttenberg stilisierte sich zum scheinbaren Antipolitiker im Bündnis mit dem politikmüden Bürger. Doch was war das Andere an ihm? Der Adelsfaktor. Der Glamourfaktor mit Stephanie, die in den einschlägigen bunten Blättern schon mal als „Fast-First-Lady“ hofiert wurd. Redegewandtheit, strahlendes Auftreten und perfektes Bild noch in schwerer Schutzweste. Alles richtig. Trotzdem bleibt ein unerklärter Rest. „Er hat irgendwas, das haben wir alle nicht“, sagte damals einer.

 

Das gab es noch nie...

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... Guttenberg reist mit Ehefrau Stephanie zum Truppenbesuch nach Afghanistan...

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... und lässt sich von Talkshow-Master Johannes B. Kerner im Feldlager interviewen

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Guttenberg gab sich als forscher Macher, als entschlossener Anpacker, als ein Gegner des Verdrucksten und ein Freund klarer Worte. Wobei diese auch wechseln konnten. So nahm er nach der Kundusaffäre die Bundeswehr zunächst, wie zuvor sein Vorgänger Franz Josef Jung, gegen Vorwürfe in Schutz: Der Angriff auf die von Taliban entführten Tanklaster sei militärisch angemessen gewesen, gab Guttenberg zu Protokoll – vier Wochen später jedoch revidierte er seine Aussage und entließ Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan und Staatssekretär Peter Wichert. Damals stellten sich zwei Fragen: Haben Schneiderhan und Wichert, wie Guttenberg im Bundestag behauptete, dem Minister wichtige Unterlagen vorenthalten und damit ihre Entlassung verschuldet? Oder hat der schneidige Minister nur zwei Sündenböcke gesucht, um sein früheres Urteil zu den Luftschlägen zu revidieren und das verheerende Bombardement vom 4. September 2009 doch plötzlich als „militärisch nicht angemessen“ zu bezeichnen? Ein Untersuchungsausschuss wurde eingesetzt, der Minister entlastet, wobei die Opposition Minderheitenvoten abgab.

2010 brach er ein Tabu

Im März 2010 brach Guttenberg ein Tabu. Bereits zu Anfang seiner Amtszeit hatte er von der Sprachregelung seines Vorgängers Abstand genommen, dass es sich bei der Afghanistan-Mission um einen „Stabilisierungseinsatz“ handele. Der Freiherr aus dem Fränkischen sprach lieber, damals noch als „persönliche Einschätzung“ markiert, von „kriegsähnlichen Zuständen“, die es zumindest in Teilen Nordafghanistans gebe. Nach dem schwarzen Karfreitag für die Bundeswehr mit drei Toten und acht Verletzten durch Kugeln und Sprengsätze der radikalislamischen Taliban ging Guttenberg noch einen Schritt weiter: Die Realität der Bundeswehr in Afghanistan könne man „umgangssprachlich als Krieg“ bezeichnen. Und noch ein bisschen später, befand sich Deutschland seinen Worten zu Folge im „Krieg“. Ausgerufen von einem erst 38 Jahre alten Gebirgsjäger der Reserve.

 

Guttenberg macht eigentlich immer eine gute Figur...

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... im Kreise der Soldaten...

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... wie bei der Trauerfeier für die beim Karfreitagsgefecht Gefallenen

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Guttenberg stockte die Truppen auf, verlegte schwere Waffen in das Kriegsgebiet, besuchte insgesamt, immer mit viel medialer Begleitmusik, neunmal Afghanistan und die dort stationierten Einheiten der Bundeswehr, auch unmittelbar an der Front. Gern auch mal mit Ehefrau und Entourage. Mehrheitlich als Fauxpas empfunden wurde es, als er hat den Talkmaster Johannes B. Kerner nach Afghanistan mitnahm, um dort in dessen Show aufzutreten. Er hätte genauso gut ins Studio kommen können, hieß es von den Kritikern.

Guttenberg gab den Anstoß zur Aussetzung
der Wehrpflicht – ein historischer Schritt

Anfang 2010 setzte Guttenberg die Bundeswehr-Strukturkommission ein, deren Vorsitz der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, übernahm. Deren Empfehlungen sollten eine umfassende Umstrukturierung der Bundeswehr vorbereiten. Im Ergebnis sollte Wehrpflicht ausgesetzt, die Armee zu einer Freiwilligenarmee umgebaut und kleiner, moderner, effizienter werden.

Die konkreten Planungen des Ministeriums zur Bundeswehrreform wurden teilweise als unzureichend kritisiert. Guttenbergs Nachfolger Thomas de Maiziere sprach von „unhaltbaren Zuständen“ im Ministerium und kritisierte „überkommene Strukturen und unzulängliche Planungsarbeiten“. Da war Guttenberg schon zurückgetreten, Knall auf Fall, wegen einer Plagiatsaffäre. Dem „Lügenbaron“, wie er jetzt von manchen genannt wurde, wurde der Doktortitel aberkannt, eine von der Universität Bayreuth eingesetzte Untersuchungskommission kam nach dreimonatiger Prüfung zu dem Schluss, dass Guttenberg „die Standards guter wissenschaftlicher Praxis evident grob verletzt und hierbei vorsätzlich getäuscht“ habe. Er trat, nach längerem Zögern und Zaudern, schließlich doch zurück.

Viele hielten Guttenbergs Abgang für eine kurze Zwischenperiode. „Der kommt wieder“, hieß es. Das mag auch stimmen. Nur wird es, selbst wenn es so kommt, länger, sehr viel länger gedauert haben, als man das 2011 für möglich hielt. Michael Schmidt