„Nicht fragen, sondern ausführen:
Die Bundeswehr hat sich zu einer
ganz normalen Armee gewandelt“

Herr Starke, Sie sind Militärhistoriker und Reserveoffizier: Hat der nunmehr 13-jährige Afghanistaneinsatz die Bundeswehr verändert?

Auf jeden Fall. Definitiv hat sich die Bundeswehr in den letzten 15 Jahren stark verändert. Allerdings würde ich nicht sagen, dass der Einsatz am Hindukusch etwas hervorgebracht hat, dass vorher nicht da war. Da wurde eher etwas katalysiert.

 

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Erwin Starke ist Militärhistoriker und Reserveoffizier. Foto: privat

Inwiefern?

Ich erlebe, dass die Bundeswehr sich zu einer ganz normalen Armee wandelt, so wie es sie zum Beispiel in den anderen europäischen Staaten auch gibt. Ich habe 1990 die Bundeswehr noch in den Strukturen des Kalten Krieges kennengelernt und bin immer noch erstaunt wie vergleichsweise reibungslos der Wandel der Einstellung und des Selbstverständnisses der Truppe verlief. Von der reinen Verteidigungsarmee, für die ein Einsatz außerhalb der deutschen Grenzen undenkbar war, zur weltweit agierenden Eingreiftruppe. Das geht nur, wenn das Selbstverständnis der Soldaten damals wie heute im Kern übereinstimmten. Nur dass eben damals andere Tugenden wichtiger waren als heute.

Was ist denn eine ganz normale Armee?

Die Bundeswehr ist ein Kind des Kalten Krieges. Bei ihrer Aufstellung konnte man nicht einfach da weitermachen, wo die deutsche Militärtradition 1945 in der Katastrophe geendet hatte. In der Bevölkerung der jungen Bundesrepublik war eine Wiederbewaffnung höchst umstritten. Man musste also nach Wegen suchen, die neue Armee der Bevölkerung schmackhaft zu machen. Dazu diente ganz wesentlich das Konzept des Staatsbürgers in Uniform. Damit wollte man vermeiden, dass dem Militär eine gesellschaftliche Sonderstellung zukommt, die in einem eigenen, von der bürgerlichen Gesellschaft verschiedenen Ethos begründet ist. Dieses dem Soldatenberuf besondere Ethos zeichnet jedoch eine „normale Armee“ aus.

Wofür steht der Begriff Staatsbürger in Uniform?

„Man kann etwas zugespitzt sagen, das Militär sollte aus Zivilisten bestehen, welche nur zum Zwecke des Dienstes sich die Uniform anziehen.“

Der Soldat sollte nicht mehr über oder neben der Gesellschaft stehen. Er sollte vielmehr mitten aus ihr hervorgehen und ein selbstverständlicher Bestandteil der bürgerlich-zivilen Gesellschaft sein. Man kann etwas zugespitzt sagen, das Militär sollte aus Zivilisten bestehen, welche nur zum Zwecke des Dienstes sich die Uniform anziehen. Dieser Dienst wiederum sollte aus freien Stücken und aus Einsicht seiner Notwendigkeit geleistet werden.

Wenn man den Beteuerungen der Politik und der Bundeswehr heute folgt, ist dieses Konzept ein absolutes Erfolgsmodell.

Ja, heute scheint das so zu sein. Allerdings war das nicht immer so. Die Gründergeneration der Bundeswehr bestand ja nicht aus 20-jährigen Generalen, um Adenauer zu zitieren. Sondern aus Leuten, die schon dem Kaiser und Hitler gedient hatten. Das führte zu scharfen Auseinandersetzungen um die neuen Ideen. Man darf dabei nicht vergessen, Ziel war es, die Truppe zu demokratisieren und ziviler zu machen. Im Truppenalltag hat man damals jedoch meist die auf dem Leitbild aufbauenden Grundsätze der Menschenführung einfach ignoriert.

Was müssen wir uns unter Innerer Führung vorstellen und was hat das mit dem Leitbild zu tun?

Die Innere Führung ist so etwas wie ein Grundgesetz zur Menschenführung für die Truppe. Wie wollen wir miteinander umgehen, was ist verboten, was gewünscht und welchen Maximen folgen wir? Die Grundsätze der Menschenführung orientieren sich an der Vorgabe, dass der Soldat vollwertiger Staatsbürger mit allen Rechten und Pflichten ist, dessen Freiheit nur so weit eingeschränkt werden darf, wie es zur Ausübung des Dienstes irgend nötig ist. Über allem steht dabei der erste Artikel des Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Aber auch hier haben wir es nicht mit einem starren System zu tun, das immer schon so gehandhabt wurde wie heute. Wenn ich an meine Dienstzeit 1990-1994 zurückdenke, dann wären 90 Prozent aller Ausbilder von damals wohl ohne Geld- und Sachbezüge fristlos entlassen worden, wenn man heutige Maßstäbe angesetzt hätte. Ich halte vielmehr die allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen für die eigentlich treibende Kraft, welche die Truppe und deren Mentalität verändert.

 

Segelschulschiff "Gorch Fock" wieder in heimischen Gewässern

Kadetten putzen die Planken des Segelschulschiffs „Gorch Fock“. Das gehört zu ihren Aufgaben. Aber 2010, nachdem an Bord des Schiffes zum zweitenmal eine Soldatin ums Leben gekommen war, berichteten ehemalige Offiziersanwärter von Schikanen und einer „Subkultur der Angst und Unterdrückung“. Foto: dpa

 

Aber warum dann überhaupt das Leitbild und die Innere Führung?

„Dass sich nun die Identität des Soldaten wieder mehr an militärischen Tugenden, zum Beispiel Effektivität, Auftragserfüllung, Tapferkeit undsoweiter orientiert, ist tatsächlich eine Folge des Krieges in Afghanistan.“

Mittlerweile habe ich den Eindruck, das Leitbild des Staatsbürgers in Uniform ist zu einem gleichsam religiösen Dogma geworden. Von Seiten der Bundeswehr wendet man einiges an Mühe auf, um das Prinzip aufrecht zu erhalten. Man will um jeden Preis vermeiden, zuzugeben, dass dem Soldatenberuf eben doch ein besonderes Ethos inne wohnt. Im Grunde wollen wir in Deutschland noch immer keine Soldaten und kein Militär, sondern irgendwie nette Jungs und Mädels, die Sandsäcke schleppen, Brunnen bohren, aber keinesfalls jemanden umbringen, um außenpolitische Interessen durchzusetzen. Ich stelle aber in den letzten Jahren fest, dass in der Truppe die soldatische Identität deutlich zugenommen hat. Wie gesagt: Dieses gab es auch vor 1990 bereits. Nur war es viel stärker überlagert von der gesellschaftlichen Forderung, zuerst Bürger und dann Soldat zu sein. Dass sich nun die Identität des Soldaten wieder mehr an militärischen Tugenden, zum Beispiel Effektivität, Auftragserfüllung, Tapferkeit undsoweiter orientiert, ist tatsächlich eine Folge des Krieges in Afghanistan. Wenn Sie täglich Ihr Leben riskieren, beschossen werden oder Kameraden verlieren, beziehungsweise selbst töten, dann brauchen Sie einen Sinnhorizont dafür. Und der klassische Begründungssatz aller Soldaten zu allen Zeiten ist eben: Ich mache das, weil es meine Aufgabe, mein Auftrag ist. Weil es befohlen wurde.

Ist das Leitbild des Bürgers in Uniform also in Afghanistan gescheitert?

Gescheitert würde ich nicht sagen. Ich denke, es wird deutlich, dass es unter der Bedingung von Einsätzen und Kriegen, die für staatliche oder ökonomische Interessen geführt werden, nicht funktionieren kann. Die Basis, auf welcher das Leitbild aufbaut, ist ja der mündige Bürger, der aus Einsicht freiwillig dient. Was zu Zeiten des Kalten Krieges noch plausibel war, weil eigentlich niemand ein Interesse daran haben konnte, dem politischen System des totalitären Sowjetkommunismus anheim zu fallen, kann heute nicht mehr funktionieren. Zwei Drittel der Bevölkerung sind gegen den Afghanistaneinsatz – und wer weiß heute, was für Einsätze morgen beschlossen werden? Wo bleibt da der mündige Bürger, wenn ihm gegen seine Überzeugung befohlen wird, da und dort in den Einsatz zu gehen? Mit Freiwilligkeit geht das nicht mehr. Wir haben längst die Schwelle zum Soldaten als Exekutivorgan überschritten, der nicht fragen, sondern ausführen soll. Das meint letztlich normales Militär. Nicht fragen, sondern Ausführen.
In diesem Sinne ist das Leitbild des Bürgers in Uniform spätestens seit den Auslandseinsätzen zu einem Untoten, einer leeren Hülle geworden. Wie groß die Sinnleere ist, zeigte der Versuch, den Begriff des Staatsbürgers in Uniform in den Weltbürger in Uniform weiter zu denken. Zum Glück ist diese Idee schnell wieder fallen gelassen worden.

Welche Auswirkungen hat das auf die Truppe?

Trauer um getötete Bundeswehrsoldaten

„Würden Sie Ihre eigenen Kinder als Soldaten opfern für diese oder jene politische Zweckbegründung, zum Beispiel für den Bau von Mädchenschulen am Hindukusch?“ Foto: dpa

Die Soldaten, die wir in die Einsätze schicken, benötigen stichhaltige Begründungen, warum sie sich existenziell in Gefahr begeben, warum sie töten sollen. Sie brauchen sich nur selbst die Frage zu stellen, ob Sie Ihre eigenen Kinder als Soldaten opfern würden für diese oder jene politische Zweckbegründung, zum Beispiel für den Bau von Mädchenschulen am Hindukusch. Solange die Bedrohung nicht existenziell ist, es nicht um alles oder nichts, um die blanke Selbstverteidigung geht, werden Soldaten, die dann für einen beliebigen politischen Grund in den Einsatz geschickt werden, einen eigenen Begründungshorizont schaffen. Das aber kann dann nur ein militärisches Sonderethos sein, welches sich von den bürgerlich-zivilen Werten abkoppelt. Im Vordergrund stehen dann nicht mehr der politisch aufgeklärte und mündige Bürger, sondern der in militärischer Effektivität denkende Gewaltprofi, der sein Selbstverständnis und seine Identität aus der eigenen militärischen Leistungsfähigkeit zieht. Ich halte das in militärischen Systemen, die aus politischer Zweckbestimmung eingesetzt werden für normal und funktional für notwendig – man muss es sich aber auch eingestehen. Michael Schmidt