Historischer Einschnitt:
Die Wehrpflicht wird abgeschafft –
der Zivildienst auch

Es war nicht weniger als ein Kulturbruch, eine Zeitenwende für Bundeswehr und Wohlfahrtsverbände: Nach 55 Jahren wurde 2011 die Wehrpflicht ausgesetzt – damit war auch der Zivildienst Geschichte. Wehr- und Zivildienst wurden von Freiwilligendiensten abgelöst.

8,3 Millionen Männer haben Wehrdienst geleistet

Die Wehrpflicht wurde in der Bundesrepublik im Juli 1956 per Gesetz eingeführt. Die ersten 10 000 Wehrpflichtigen wurden zum 1. April 1957 eingezogen. Seitdem haben insgesamt 8,3 Millionen junge Männer ihren Pflichtdienst geleistet. Die Aussetzung zum 1. Juli wurde 2011 vom damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) in der schwarz-gelben Koalition durchgesetzt. Die Wehrpflicht bleibt aber im Grundgesetz verankert und kann mit einfacher Mehrheit in Bundestag und Bundesrat wieder eingeführt werden.

Bundeswehr-Tagung 2010 in Dresden: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg verkündeten bei dem Kommandeurstreffen die  Abschaffung der Wehrpflicht ab dem 01.Juli 2011. Foto: Oliver Killig/dpa

Bundeswehr-Tagung 2010 in Dresden: Kanzlerin Angela Merkel und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg verkünden die Aussetzung der Wehrpflicht zum 01. Juli 2011. Foto: dpa

Guttenberg-Nachfolger Thomas de Maizière (CDU) kündigte an, mit dem Slogan „Wir. Dienen. Deutschland“ die Nachwuchswerbung zu verstärken. Der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus (FDP) trat für ein Bündel von Attraktivitätsmaßnahmen ein, um die angestrebte Personalstärke der Bundeswehr von 175 000 Soldaten zu sichern. Ursula von der Leyen (CDU) macht damit seit Anfang diesen Jahres Ernst: Kasernen sollen renoviert, der Führungsstil modernisiert, Karrieren erleichtert werden. Weniger Versetzungen, weniger Umzüge – die Vereinbarkeit von Dienst und Familie, ein Herzensanliegen der früheren Familienministerin, steht auch auf der Agenda. So soll die Zahl der Kita-Plätze für Kinder von Bundeswehr-Angehörigen deutlich erhöht werden, außerdem soll es einen Anspruch auf Teilzeitarbeit geben.

Die ersten Freiwilligen rücken am 04.07.2011 in die Hunsrück-Kaserne in Kastellaun (Rheinland-Pfalz) ein. Foto: dpa

Die ersten Freiwilligen rücken in die Hunsrück-Kaserne ein. Foto: dpa

Der neue freiwillige Wehrdienst für Frauen und Männer dauert bis zu 23 Monate und wird mit 777 bis 1146 Euro monatlich vergütet. Die Armee setzt darauf, dass mindestens 5000 Freiwillige der Bundeswehr angehören. Die Lücken etwa bei der Pflege alter und kranker Menschen wurde durch einen Bundesfreiwilligendienst geschlossen. 35 000 Stellen pro Jahr sollen Männern uns Frauen jeden Alters offen stehen. Der Einsatz soll in der Regel zwölf, mindestens aber sechs und höchstens 24 Monate dauern. Das Freiwillige Soziale Jahr und das Freiwillige Ökologische Jahr sollen durch den neuen Dienst ergänzt werden.

Auf Seiten der Bundeswehr sind die Bewerberzahlen sehr schwankend, und von denen, die sich für den freiwilligen Wehrdienst entscheiden, steigen bis zu 30 Prozent während der sechsmonatigen Probezeit wieder aus. 25 Prozent scheiden dabei auf eigenen Wunsch aus. Fünf Prozent sortieren die Streitkräfte wegen mangelnder Fitness, gesundheitlichen Einschränkungen oder fehlender Leistung aus.

Der Bundesfreiwilligendienst:  35 000 Stellen pro Jahr sollen Männern uns Frauen jeden Alters offen stehen. Foto: dpa

Der Bundesfreiwilligendienst:
35 000 Stellen pro Jahr sollen Männern und Frauen jeden Alters offen stehen. Foto: dpa

Beim Bundesfreiwilligendienst wurde, um sicherzustellen, dass sich genügend Bewerber finden, die Altergsrenze aufgehoben – jetzt gibt es 49.266 so genannte Bufdis in Deutschland, der Anteil derjenigen über 27 Jahre liegt bei 41 Prozent, rund 4000 Bufdis sind sogar kurz vorm Rentenalter. Im Februar 2014 verhängte das zuständige Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (Bafza) einen bundesweiten Einstellungsstopp für Bufdis. Jetzt dürfen Kommunen und Vereine nur noch Interessenten anwerben, die jünger sind als 25 Jahre. Michael Schmidt