Gehen oder Bleiben –
Die Kriegsdebatte

Seit 2001 führt der Westen Krieg in Afghanistan. Das Land am Hindukusch aber ist weder politisch stabil, noch geht es wirtschaftlich aufwärts – und die Sicherheitslage ist nach wie vor fragil. Niemand vermag zu sagen, wie stark oder schwach die Taliban und andere Gegner der westlichen Allianz – Aufständische, Warlords, Drogenbarone, Clanchefs, Klein- und Großkriminelle – wirklich sind oder noch wieder werden. Bei westlichen Politikern und in der Bevölkerung in Deutschland gibt es seit jeher erhebliche Zweifel an der Mission. Gehen oder Blieben? Das ist die Frage. Und für beides gibt es gute Argumente. Eine Auswahl.

 

 

Die Deutsche Bevölkerung lehnt den Einsatz in Afghanistan mehrheitlich ab. Foto: dpa

Die Deutsche Bevölkerung lehnt den Einsatz in Afghanistan mehrheitlich ab. Foto: dpa

ABZIEHEN!

Dieser Krieg mit den Toten und der Wut, die er schafft, macht die Welt nicht sicherer.
Es gibt praktisch keine Erfolge. 140.000 Mann aus 43 Nationen standen in Afghanistan und wurden nicht fertig mit 25.000 Taliban. Inzwischen sterben mehr als 2000 Zivilisten jährlich, die Zahl steigt.

Dieser Krieg mit den Toten und der Wut, die er schafft, macht die Welt nicht sicherer.Barbara Supp

Es ist eine Illusion, zu glauben, man könne die Bestie Krieg zähmen. Im Krieg kann so weit kommen, dass Töten Spaß macht. Militärausbilder wissen es: dass der Krieg die Soldaten verändert und die Gesellschaft, in die sie zurückkehren, auch. Der Krieg ist nicht sauber, auch gerecht ist er nicht. Er produziert Zerfetzte, Verstümmelte, es wird vergebens gestorben, es ist ein Krieg, der nichts erreicht, der militärisch nicht gewonnen werden kann. (Barbara Supp)

Die „Viel-hilft-viel“- und „Mehr-hilft-noch-mehr“-Strategie ist an ihr Ende gekommen.Christoph Schwenicke

Die Chance auf militärischen Erfolg ist verstrichen – es ist höchste Zeit zu gehen.
Afghanistan, das wird nichts mehr. Wir sind gescheitert. Dieser Krieg ist verloren. Wir werden dieses Land nicht besenrein einer Selbstverwaltung übergeben können. Vielleicht hätten wir Erfolg haben können, wenn wir früher verstanden hätten, wie dieses Land funktioniert. Jetzt aber sind wir dort nicht mehr Teil der Lösung, sondern zunehmend Teil des Problems. Weiteres Blutvergießen ist nicht mehr zu verantworten.
Seit Jahren versucht die Allianz vergeblich, das Land in den Griff zu bekommen. In diesen Jahren wurden die Ziele immer wieder verändert, aber keines erreicht. Afghanistan ist ein Alptraum, ein Friedhof der Supermächte. Nach den Briten und der sowjetischen Armee werden dort auch die Nato und die Vereinten Nationen als Supermächte ihren Nimbus verlieren.

Es geht nicht um Brunnenbauen oder Terrorismusverhindern.
Es geht um Geopolitik,
um Militärbasen und Bodenschätze.Erich Follath

Die Truppenstärke der Amerikaner inklusive ihrer Verbündeter hat einschließlich der Privatarmeen der Sicherheitsfirmen in etwa den Stand der sowjetischen Besatzung, knapp 200.000 Mann. Mehr ist nicht möglich, nicht militärisch und nicht politisch, und es reicht eben doch nicht, wieder nicht. Die „Viel-hilft-viel“- und „Mehr-hilft-noch-mehr“-Strategie ist an ihr Ende gekommen. (Christoph Schwenicke)

 

Ob Bellizisten oder Pazifisten: Sie alle machen sich etwas vor. Sie verkennen die tieferen Gründe für diesen Krieg, für jeden Krieg der Neuzeit (mit der Ausnahme des Zweiten Weltkriegs, der tatsächlich ein Kampf Gut gegen Böse war). Es geht nicht um Brunnenbauen oder Terrorismusverhindern, nicht um die berechtigte Nato-Strafaktion gegen Taliban und al-Qaida in Afghanistan unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Al Qaida isr weitgehend vertrieben. Afghanistan wird keine Demokratie nach westlichem Vorbild werden. Worum geht es also? Es geht um Geopolitik, um Militärbasen und Bodenschätze, um Pipelines und Drogenrouten. Und Afghanistan ist nicht nur als Transitstaat von großer Bedeutung: Es besitzt riesige ungehobene Bodenschätze, die das bitterarme Land zu einem potentiell reichen machen, vor allem aber den Förderländern und Förderfirmen exorbitante Gewinne versprechen. (Erich Follath)

 

 

Afghanistan sich selbst zu überlassen bedeutet, Afghanistan den Extremisten und dem erneuten Bürgerkrieg zu überlassen, sagen die Befürworter des internationalen Engagements. Foto: dpa

Afghanistan sich selbst zu überlassen bedeute, Afghanistan den Extremisten und dem Bürgerkrieg zu überlassen, sagen Befürworter eines internationalen Engagements. Foto: dpa

BLEIBEN!

Krieg, zumindest darin sind sich alle einig, ist eine furchtbare Sache. Er ist schmutzig, er kann aus Menschen Tötungsmaschinen machen, er produziert Tote, Verletzte, Verstümmelte. Er darf immer nur das letzte Mittel sein. Aber manchmal ist er notwendig. Afghanistan ist so ein Fall. Es geht um viel, allerdings nicht in erster Linie um Demokratie und Menschenrechte. Die sind in vielen Ländern bedroht, ohne das Deutschland Soldaten schickt.

Wer diejenigen, die anderen den Tod bringen wollen und den eigenen nicht scheuen, stoppen will, der kann vermutlich nicht sauber bleiben. Das ist schwer zu akzeptieren. Aber es bleibt trotzdem richtig. Ralf Neukirch

Es geht vor allem darum, ein stabiles Afghanistan zu schaffen, das nicht wieder zum Rückzugsort von Terroristen wird und die gesamte Region weiter destabilisiert. Darin liegt das Interesse des Westens an diesem Krieg. Dieses Ziel rechtfertigt die Opfer, die dort zu beklagen sind.
Ein Abzug beendet das Blutvergießen in Afghanistan nicht. Im Gegenteil, der Bürgerkrieg bräche dann mit voller Wucht wieder los. Rache und Vergeltung würde vor allem die treffen, die darauf vertraut haben, dass die Nato ihre Mission zu Ende bringt. Und was das für Pakistan, für die gesamte Region und für den weltweiten Kampf gegen den Terror bedeutet, das mag man sich gar nicht ausmalen.
Wer diejenigen, die anderen den Tod bringen wollen und den eigenen nicht scheuen, stoppen will, der kann vermutlich nicht sauber bleiben. Das ist schwer zu akzeptieren. Aber es bleibt trotzdem richtig. (Ralf Neukirch)

Es gibt ihn, den „bellum iustum“, es gibt ihn seit der Antike, es gibt ihn in der christlichen Theologie, es gibt ihn auch im asymmetrischen Krieg gegen Killer-Kollektive ohne staatliche Souveränität. Es gab den gerechten Krieg bereits im Kosovo-Konflikt, als eine rot-grüne Regierung mit ihrer pazifistischen Tradition brach und mithalf serbische Milizen und Militärs daran zu hindern, eine Volksgruppe „ethnisch zu säubern“. Und es gibt ihn jetzt, am Hindukusch, wo es um ein Volk geht, das zur Geisel von religiösen Gangstern wurde, die Schulen abfackeln, Frauen steinigen, Teenager mit Koranversen zu Killern abrichten und ihre Waffen mit Drogengeldern finanzieren.

Deutsche Soldaten stehen zu Recht in Afghanistan, an der Seite der Amerikaner, der afghanischen Armee, gerade weil es auch um Werte geht, die nicht verhandelbar sind.Matthias Matussek

In den Einwänden der Linken gegen den deutschen Einsatz in Afghanistan überlagern sich viele Argumente. Wer Krieg führe, töte „wahllos“ Schuldige und Unschuldige. Doch Unrecht einfach geschehen zu lassen ist nicht weniger unmoralisch und widerspricht dem missionarischen Glutkern linker Politik.
Geradezu absurd ist jenes andere Argument, hinter dem sich eine heterogene Gruppe von Schriftstellern versammelte: Der Kampf gegen die Taliban sei ein Kulturkrieg. Man müsse aufhören damit, die eigenen aufgeklärten Wertvorstellungen anderen mit Gewalt aufzuzwingen. Ach ja? Dann sollte man also jedem Piraten, jedem Erpresser, jedem Mörder, der den Koran zitiert, die höheren Weihen einer unterdrückten Kultur angedeihen und ihn gewähren lassen? Deutsche Soldaten stehen zu Recht in Afghanistan, an der Seite der Amerikaner, der afghanischen Armee, gerade weil es auch um Werte geht, die nicht verhandelbar sind. (Matthias Matussek)

Was die Bundeswehr in Afghanistan treibt, ist Entwicklungshilfe mit der Waffe in der Hand.Hasnain Kazim

Der Westen hat den Menschen in Afghanistan versprochen, zu helfen: Man werde die Taliban besiegen und dem Land Stabilität und Sicherheit bringen. Ist dieses Versprechen vergessen? Die Lösung „Raus aus Afghanistan, sofort!“ mag die pazifistische Seele in der deutschen Heimat streicheln – aber für die Menschen in Afghanistan, um die es einst ging und die man nie gefragt hat, ob sie die Hilfe, den Einmarsch, den Krieg überhaupt wollten, wäre das eine Katastrophe. Denn das Machtvakuum würde sofort von den Extremisten gefüllt.
Der militärische Weg allein nutzt wenig. Die wichtigere, stärkere Komponente muss der zivile Wiederaufbau sein – und da ist Deutschland, das bei vielen Afghanen immer noch einen guten Ruf genießt, durchaus Vorreiter. Im Bildungswesen tragen die deutschen Bemühungen Früchte.
Was die Bundeswehr in Afghanistan treibt, ist Entwicklungshilfe mit der Waffe in der Hand. Das mag man belächeln oder kritisieren, aber der Kurs ist im Kern richtig: Infrastruktur aufbauen und gleichzeitig Radikale bekämpfen. Über den schmutzigen Teil des Krieges spricht die Bundesregierung nicht gern, aber neben den Wiederaufbauteams sind natürlich auch Spezialkräfte am Werk, die den Taliban zu Leibe rücken. (Hasnain Kazim)