Das G 36 –
Immer Ärger mit dem Sturmgewehr

Die Bundeswehr hat immer mal wieder gravierende Probleme mit ihren Gewehren und Pistolen. So taugt das Sturmgewehr G36, ein vollautomatisches Gewehr der Firma Heckler & Koch, offenbar für den Einsatz in Extremsituationen nur bedingt. Immer wieder beklagen sich Soldaten beim Wehrbeauftragten darüber, dass das Standardgewehr der Bundeswehr, eine Hightech-Waffe mit Kunststoffgehäuse, bei Dauerfeuer heiß laufe, sein Ziel verfehle oder nicht genügend Schlagkraft habe.

Auch der Bundesrechnungshof monierte die Beschaffung des Sturmgewehrs G36 für die Bundeswehr, von dem es rund 160.000 bis 170.000 Stück bei der Truppe gibt. Er kritisierte, dass es keine angemessene Einsatzprüfung gegeben habe, die Waffe mit ihrem kleinen Kaliber bei Treffern aus größerer Distanz den Gegner nicht sofort kampfunfähig mache und die Kugeln schon bei leichtem Wind abgelenkt würden. Bei einer 2012 anberaumten internen Untersuchung durch die Wehrtechnische Dienststelle 61 in Meppen dann wurde festgestellt, dass bei Schnellfeuer nach 150 Schuss Ziele in einer Entfernung über 300 bis 400 Meter nicht mehr zuverlässig getroffen werden. Was unter anderem die Gefahr von „friendly fire“, also den Beschuss eigener Leute, erhöht.

 

Bei Schnellfeuer läuft die Waffe heiß: Nach 150 Schuss werden Ziele in einer Entfernung über 300 bis 400 Meter nicht mehr zuverlässig getroffen. Foto: dpa

Bei Schnellfeuer läuft die Waffe heiß: Nach 150 Schuss werden Ziele in einer Entfernung über 300 bis 400 Meter
nicht mehr zuverlässig getroffen. Foto: dpa

 

In einer als vertraulich eingestuften Einsatzauswertung, Titel: „Aus dem Einsatz lernen, 4/2012“, heißt es: „Durch Truppe im Einsatz wurde eine mangelnde Wirksamkeit des G36 festgestellt.“ Das liege zum Teil „an der Wirksamkeit der Munition, die für Kampfentfernungen über 300-400m nur bedingt geeignet ist“. Weiter heißt es darin: „In den Medien wurden Aussagen über ein Absinken der Treffleistung der Waffe bei heiß geschossenem Rohr gemacht“ – Versuche an der Wehrtechnischen Dienststelle 91 (WTD91) hätten „diesen Sachverhalt im Wesentlichen bestätigt“. Bundeswehrtechniker rieten daraufhin von Neuanschaffungen ab.

Wer im Haus des damals amtierenden Ministers nachhörte, erhielt zur Antwort, das Gewehr G36 sei „bei bestimmungsgemäßem Gebrauch handhabungs-, funktions-, betriebs- und treffsicher“. „Bei bestimmungsmäßigem Gebrauch“ – das klang, als hätten Soldaten, die Probleme haben, diese deshalb, weil sie die Waffe nicht „bestimmungsgemäß“ nutzen. Das wollte natürlich so keiner sagen. Aber gemeint war es schon. Die Abteilung Streitkräfteführung des Ministeriums stufte die Waffe weiterhin als einsatztauglich ein.

Das Einsatzführungskommando rät:
auf Handwärme abkühlen. – Mitten im Gefecht?

Das Einsatzführungskommando reagierte mit einer Weisung an die Truppe, die der Wehrbeauftragte, Hellmut Königshaus (FDP) im Gespräch mit dem Tagesspiegel „merkwürdig“ nannte – „einen wenig hilfreichen, weil praxisfernen Hinweis“, der wieder an den richtigen Umgang des Soldaten mit der Waffe erinnerte. Darin wird den Kämpfenden empfohlen, bei starker Rohrerhitzung die Waffe „auf Handwärme“ abzukühlen. „Ist in einer taktischen Situation das Abkühlen des Gewehrs nicht möglich und muss weitergeschossen werden, ist zu berücksichtigen, dass bei weiterem Feuerkampf Waffen komplett ausfallen können und/oder dauerhaft beschädigt werden.“

Kritiker fragten, ob dem Minister das Wohl und Wehe der Soldaten weniger am Herzen liege als das des Herstellers Heckler & Koch. Praktiker weisen darauf hin, dass das G36 nicht die einzige Waffe sei, die dem Soldaten zur Verfügung stehe. Je nach Situation stehe von der Pistole über das Maschinengewehr bis hin zur Panzerfaust alles zu Verfügung, um einsatz- und missionsgerecht kämpfen zu können. Und tatsächlich sei das G36 – apropos „bestimmungsgemäß“ – nie für Dauer- und Deckungsfeuer konzipiert gewesen, sondern für Einzelfeuer und Feuerstöße.

 

Zum Teil werden die Probleme bei der Zielgenauigkeit auch auf die Munition zurückgeführt. Foto: dpa

Zum Teil werden die Probleme bei der Zielgenauigkeit auch auf die Munition zurückgeführt. Foto: dpa

 

Bis auf Weiteres, und in dieser Formulierung steckt bereits die auf die Zukunft gerichtete Hoffnung, der Minister werde auf Heckler & Koch entsprechend einwirken, gilt für fast alle mit der Sache Befassten, was der Wehrbeauftragte Königshaus so ausdrückt: „Solange es nichts Besseres gibt, müssen wir die Truppe mit dieser Standardwaffe ausstatten – und es gibt derzeit nichts Besseres.“

Leyen setzt die Beschaffung bis auf weiteres aus

Ministerin Ursula von der Leyen ließ im Juli die Beschaffung des Sturmgewehrs aussetzen und das Gewehr neu untersuchen. „Es gilt zu vermeiden, dass das Verteidigungsministerium bis zu 34 Millionen Euro in ein Gewehr investiert, das möglicherweise den Anforderungen der Truppe nicht genügt“, hieß es. „Es spricht viel dafür, dass es in der Bundeswehr sowohl nichtsystemverträgliche Munitionssorten als auch unterschiedlich wärmeempfindliche Gewehre G36 gibt.“ Michael Schmidt