13 Jahre in Afghanistan –
ein Einsatz mit Folgen

Seit 13 Jahren ist die Bundeswehr in Afghanistan im Einsatz. Seit 13 Jahren verteidigt sie die Freiheit am Hindukusch, kämpft auftragsgemäß für Sicherheit, Demokratie und Menschenrechte und gegen den Terror der Taliban, schafft Zeit und Gelegenheit für den Wiederaufbau, schützt Leben; dabei steht sie mal mehr, mal weniger im Feuer. Seit 13 Jahren – das ist mehr als doppelt so lange wie der Zweite Weltkrieg dauerte. Das hat, wen wundert’s, die Streitkräfte von grundauf verändert. Aus der vielfach als Trachtengruppe mit Gewehr belächelten Armee des Kalten Krieges sind normale Streitkräfte, ist Militär geworden. Eine Truppe, die damit rechnen muss, von der Politik in gefährliche Einsätze geschickt zu werden, die bereit ist, ohne geografische Begrenzung global zu intervenieren, und die willens ist, gegebenenfalls auch offensiv zu kämpfen.

13 Jahre Einsatz am Hindukusch haben ihre Spuren hinterlassen in Ausrichtung, Ausrüstung, Ausbildung und dem Selbstverständnis der Truppe. Das Verhältnis der Politik zum Militär hat sich in dem Maß geändert, wie die Erwartungen an ein stärkeres außenpolitisches Engagement Deutschlands in der Welt gewachsen sind – im Inneren wie in den Hauptstädten verbündeter Partnerstaaten. Und die hiesige Rüstungsindustrie muss sich angesichts einer gewaltig geschrumpften Bundeswehr gänzlich neu aufstellen und noch verschärft nach Abnehmern im Ausland suchen.

„Einsatzbereit – jederzeit – weltweit“

Der Wandel, den die Bundeswehr durchgemacht hat, ist am deutlichsten dort erfahrbar, wo der Einsatz gleichsam zu einer immer präsenten Möglichkeit gehört, zum Beispiel in der Fallschirmjägertruppe. Um zu erahnen, wie tiefgreifend die Veränderung ist, genügt ein Vergleich der Wahlsprüche, welche die Luftlandebrigade 31 in Oldenburg beziehungsweise die Division Schnelle Kräfte sich einst gab und welchem sie heute folgt: Wo vor dem Afghanistaneinsatz für die Übungstruppe aus der Vor-Wende-Zeit die Maxime galt: „Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen“, da heißt es jetzt: „Einsatzbereit – jederzeit – weltweit“.

Der Gedanke an Tod und Verwundung, an das Töten und die Gewalt
sind ein selbstverständlicher Teil des Berufsbildes vom Soldaten geworden. Foto: dpa

Dabei ist die Bundeswehr eine Parlamentsarmee, es herrscht der Primat der Politik. Die militärische Führung besteht aus Zivilisten – der Ministerin als Inhaberin der Befehls- und Kommandogewalt, und den Staatssekretären. Erst danach kommt der Generalinspekteur als oberste militärische Kommandoebene ins Spiel. Das bedeutet, es wird politisch entschieden, wie die Strukturen der Bundeswehr ausgebildet werden. Deshalb kann, mit Blick auf den neuen Stellenwert des Kämpfens und des Kämpfertums, von einem Rückfall in alte Zeiten keine Rede sein. Die Politik gibt vor, für welche Aufgaben die Bundeswehr sich zu rüsten hat; sie definiert die Ziele und sie definiert den finanziellen Rahmen. Und das ist, auch in bewusster Absetzung von der Vergangenheit, gewollt so.

Begleitet wird die Neuausrichtung von einem Bewussteinswandel, den die Auslandseinsätze und Gefechte auf dem Balkan, im Kosovo, aber mit kaum vergleichbarer Intensität vor allem in Afghanistan angestoßen und beschleunigt haben. Der Gedanke an Tod und Verwundung, an das Töten und die Gewalt sind ein selbstverständlicher Teil des Bildes vom Beruf des Soldaten geworden. Das war vor Jahren noch unvorstellbar. Und wird vielfach in einer postheroischen, aus guten historischen Gründen eher pazifistisch gestimmten Gesellschaft wie der bundesrepublikanischen nach wie vor als Zumutung empfunden. Die politische Debatte über ein verstärktes, notfalls auch militärisches Engagament Deutschlands in der Welt, das Selbstverständnis der Soldaten als kämpfende Truppe einerseits – und das Bild, das die Gesellschaft sich von der Bundeswehr macht andererseits, sind an diesem Punkt kaum mehr zur Deckung zu bringen.

Ausbildungskommando des Heeres

Das Selbstverständnis der Truppe und das Bild, das die Gesellschaft sich von ihr macht,
sind kaum noch zur Deckung zu bringen. Foto: dpa

Als der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) seine Generäle auf einer Kommandeurstagung im Herbst 2010 in Dresden auf sein Reformvorhaben einschwor, definierte er den zentralen Satz des Vorhabens als: „Vom Einsatz her denken“. Spätestens von da an hat sich die Afghanistanmission in den Köpfen jedenfalls der allermeisten, als das Maß aller Dinge festgesetzt. Als das für die Zukunft wahrscheinlichste Szenario, auf das sich alle einzustellen haben. Am Beispiel Afghanistan, an den Problemen und Herausforderungen und Eigenheiten des Einsatzes am Hindukusch richteten und richten sich daher weiterhin die Strukturen, die Ausbildung und die Ausrüstung der Bundeswehr aus. Kurz-, mittel- und langfristig. Zu Lande, zu Wasser und in der Luft.

Leyens Weg

Leyens Weg

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat eine Bundeswehr im Wandel übernommen. Ob sie der Truppe eine andere Richtung weist, ist ungewiss. Noch gilt: Internationale Konfliktverhütung und Krisenbewältigung haben Priorität. Foto: dpa

Guttenbergs Auftrag

Guttenbergs Auftrag

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg beauftragte 2010 die so genannte Strukturkommission der Bundeswehr unter Leitung des BA-Chefs Frank-Jürgen Weise, die Bundeswehr neu zu denken: vom Einsatz her. Das Gremium empfahl zum Beispiel die Aussetzung der Wehrpflicht. Foto: dpa

 

Statistisch gesehen hat jeder Soldat der Bundeswehr schon einmal seinen Dienst am Hindukusch versehen. Viele tatsächlich mehrfach. Doch auch wer noch nie in Afghanistan im Einsatz stand, wird täglich im normalen Dienst- und Ausbildungsbetrieb damit konfrontiert. Die einstige 500.000-Mann-Wehrpflicht-Armee zur Landesverteidigung hat sich gewandelt zu einer kleinen, modernen, schnell weltweit einsetzbaren Interventionsarmee aus Freiwilligen und Berufssoldaten. Die Bundeswehr ist zu einem Sicherheitsdienstleister im globalen Maßstab geworden, sagt Militärhistoriker Erwin Starke, „zu einer Art international einsetzbarem SEK mit schwerem Gerät“.

Kritiker wollen mehr, wollen anderes

Mir scheint, es haben noch nicht alle verstanden, dass in künftigen Szenarien marititime Fähigkeiten eine herausragende Bedeutung haben werdenRainer Arnold, SPD-Politiker

Kritikern ist das als Denk- und Planungsraum zu eng. Einigen missfällt die Einseitigkeit der Reformen. Sie monieren zum Beispiel das starke Übergewicht des Heeres, die Vernachlässigung der anderen Teilstreitkräfte. So mahnt der SPD-Wehrexperte Rainer Arnold, die Marine nicht aus dem Blick zu verlieren, von der sich, siehe Unifil, die Mission vor der Küste des Libanons, lernen ließe, wie See-, Luft- und zum Teil auch Bodenstreitkräfte zusammen agieren können: „Mir scheint, es haben noch nicht alle verstanden, dass in künftigen Szenarien marititime Fähigkeiten eine herausragende Bedeutung haben werden – sie werden eine große Rolle spielen, bis hin zu den drei Schiffen, die jene Aufklärungsfähigkeiten haben, die der gescheiterte Euro-Hawk hätte bringen sollen“, sagt Arnold.

Andere fürchten den Verlust von Fähigkeiten und Fertigkeiten – vor allem jener, auf jede denkbare Bedrohung angemessen reagieren zu können und sei es auch nur durch die Aufrechterhaltung einer gewissen Drohkulisse. Winfried Nachtwei, langjähriger Verteidigungspolitiker der Grünen, warnt davor, die Aufstandsbekämpfung derart in den Vordergrund zu stellen. „Es ist gut, dass wir auf solche Szenarien jetzt besser eingestellt sind“, sagt Nachtwei, „aber sie als Maßstab für alles Weitere zu nehmen, wäre nicht nur äußerst kurzsichtig, sondern auch völlig unsinnig“.

Dass wir am Hindukusch Aufstandbekämpfung betrieben haben, war doch nichts, was wir in irgendeiner Weise freiwillig getan hätten – das war doch bereits ein Ausfluss der HalbniederlageWinfried Nachtwei, Grünenpolitiker

Es entwerte die Erfahrungen anderer, wie den sehr erfolgreichen Einsatz in Bosnien-Herzegowina, wo ein weiterer Krieg in Europa verhindert worden sei, und das gewaltarm. Und es wäre eine „fatal falsche Konsequenz“, denn „wenn man nicht nur einsatz-, sondern auftragsbezogen fragte, was ist erreicht worden, dann muss man doch sagen: Aus der Sicht vieler ist der Afghanistaneinsatz gescheitert“. Und Aufstandsbekämpfung? „Dass wir am Hindukusch Aufstandsbekämpfung betrieben haben, war doch nichts, was wir in irgendeiner Weise freiwillig getan hätten – das war doch bereits ein Ausfluss der Halbniederlage.“

Die Planungen der Strategen müssten unbekannte Risiken stärker einbeziehen, schrieb SWP-Experte Christian Mölling schon 2012 in einer Studie zur Deutschen Verteidigungspolitik. Derzeit bestimmten „wahrscheinliche Aufgaben“ und „unwahrscheinliche Entwicklungen“ das Fähigkeitsprofil. „Deutschland wurde aber nach dem Kalten Krieg einmal pro Dekade von strategischen Schocks überrascht, also Vorfällen, die die Planer zum jeweiligen Zeitpunkt für unwahrscheinlich hielten“, schreibt Möllring und erinnert an die Balkankriege 1991, den noch am 10. September 2001 von niemandem für möglich gehaltenen Bündniseinsatz und den arabischen Frühling 2011 mitsamt Libyen-Einsatz der Nato.

Kein Einsatz sei mit einem anderen vergleichbar, sagt auch Ex-Generalinspekteur Harald Kujat. „Die Fokussierung auf Stabilisierungs- oder Kriseneinsätze ist kurzsichtig, weil niemand die Zukunft vorhersehen kann – und man sich natürlich auch auf den gefährlichsten und nicht nur auf den wahrscheinlichsten Einsatzfall“ vorbereiten muss. „Wir sollten uns nicht darauf kaprizieren, dass nun ein Einsatz so wie in Afghanistan erfolgt“ sagt Kujat. Zumal gerade „die Entwicklungen in der Ukraine gezeigt haben, es kann sehr schnell zum Bündnisfall kommen.“

 

Viele Fragen – keine Auswertung

Erwünscht? Unerwünscht?

Erwünscht? Unerwünscht?

Deutsche Soldaten suchen nach versteckten Sprengfallen - dem Hauptkampfmittel der Aufständischen gegen die internationalen Truppen. Afghanen schauen zu. Foto: AFP

Wichtig? Unwichtig?

Wichtig? Unwichtig?

Macht das Wirken der Bundeswehr, der Kampf der Soldaten irgendeinen Unterschied für das Land, für die Perspektiven der Jugendlichen zum Beispiel? Foto: AFP

Befreier? Besatzer?

Befreier? Besatzer?

Die Bundeswehr kam auf Einladung der Regierung in Kabul, um sie zu schützen - aber wie erlebten die Afghanen in der Provinz die Präsenz internationaler Soldaten? Foto: AFP

 

Schließlich vermissen manche eine vorbehaltlose und kritische Wirksamkeitsanalyse der Mission am Hindukusch – und eine daraus abgeleitete Strategiedebatte: Wie soll Deutschlands Rolle in der Welt aussehen? Was könnte „mehr Verantwortung übernehmen“ konkret heißen? Paul Schäfer, der einstige verteidigungspolitische Sprecher der Linksfraktion, spricht durchaus nicht nur für sich, wenn er feststellt: „Afghanistan kann keine Blaupause sein – wenn man den Einsatz evaluiert, muss man doch sagen: Es hat nicht funktioniert.“ Alles Nachdenken über die Bundeswehr und in der Bundeswehr drehe sich um den Einsatz in Afghanistan. Nur werde dabei „gar nicht reflektiert, was man da eigentlich bewirkt hat“. Und was das Denken über den Tag hinaus angeht, stellt Schäfer fest: „Die Strategiediskussion hierzulande ist absolut mangelhaft.“

Afghanistan kann keine Blaupause sein – wenn man den Einsatz evaluiert, muss man doch sagen: Es hat nicht funktioniertPaul Schäfer, Linkspartei

Eigentlich brauche es eine Art Nationalen Sicherheitsrat, der, wenn es nach Schäfer ginge, nicht nur mit Militärs, sondern auch mit Wissenschaftlern und Friedensforschern besetzt wäre. Einen Ort, an dem die neuen globalen Herausforderungen definiert und eine kohärente Friedens- und Außenpolitik entworfen werden. Aber aus der Politik komme „nix“. Aus dem Ministerium komme, nachdem Verteidigungsminister Thomas de Maiziere den Planungsstab abgeschafft habe: „nix“. Und von den Militärs mit Afghanistan-Einsatzerfahrung im Bendlerblock komme erst recht „nix“. Die hätten zu wenig Abstand, um die Afghanistan-Mission kritisch zu reflektieren und die richtigen Lehren daraus zu ziehen, sagt Schäfer.

Zu den Lehren gehörte nach Meinung von SPD-Verteidigungspolitiker Arnold zweierlei, über das zu wenig gesprochen werde, weil es politisch nicht opportun sei. Erstens: So schnell werde es einen Einsatz wie den in Afghanistan nicht wieder geben – schon weil die Neigung des Westens gegen Null tendiere, noch einmal mit mehr als 100.000 Soldaten irgendwo zu intervenieren, um ein Land, einen Staat, eine Demokratie, eine Wirtschaft und eine moderne Gesellschaft von Null auf neu aufzubauen. Und wenn es denn wider Erwarten doch noch einmal dazu käme, dann, sagt Arnold, müsste man zweitens vom ersten Tag an bereit sein, es mit Entschlossenheit zu tun, ohne jede Verzagtheit und Zurückhaltung. Die anfängliche Halbherzigkeit des Westens, sagt Arnold, habe die Situation in Afghanistan erst massiv verschärft. Michael Schmidt