„Man ist ja nicht zur Bundeswehr,
um irgendwo zu kämpfen“

Herr Heißenbüttel, Sie haben 1990/91 zwölf Monate Wehrdienst geleistet. Wie haben Sie die Bundeswehr damals erlebt?

Ich hatte das Glück, oder wenn Sie so wollen, das Pech, in eine Zeit des Umbruchs zu geraten. Ich diente in der Luftwaffe im Flugabwehrraketengeschwader 36 in Bremervörde. Die Verunsicherung in der Truppe war sehr groß. Uns war nach der Auflösung des Warschauer Paktes ja gerade der Feind abhanden gekommen. Ich erinnere mich an einen Offizier in meiner Grundausbildung, der offen zugab, selbst nicht mehr zu wissen, wofür beziehungsweise gegen welche Bedrohung er noch ausbilden soll. Der war orientierungslos.

Das änderte sich mit dem zweiten Golfkrieg, als eine internationale Koalitionstruppe die Irakische Armee aus Kuwait vertrieb?

Die Türkei hatte bei der Nato um Unterstützung zur Sicherung ihrer Grenze zum Irak nachgesucht. Bei uns im Geschwader ging das Gerücht um, dass eine Batterie von uns in die Osttürkei verlegt werden sollte. Es wusste nur keiner, wen es treffen würde. Um heute die Unruhe unter den Wehrpflichtigen und auch den Zeit- und Berufssoldaten von damals zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass es sich um den ersten bewaffneten Einsatz der Bundeswehr im Ausland handelte. Es war ja nicht abzusehen, ob man von den Irakern mit deren Scud-Raketen beschossen würde, womöglich noch mit chemischen Kampfstoffen. Darauf war man als Soldat der Bundeswehr nicht vorbereitet.

Thomas

Thomas Heißenbüttel leistete 1990/91 Wehrdienst im 3./Flugabwehrraketengeschwader 36 (HAWK). Heute arbeitet er als Dipl. Ing. Elektrotechnik für Thyssen Krupp System Engineering. Foto: privat

Wie meinen Sie das?

Wenn Sie sich in den 80er Jahren bei der Bundeswehr verpflichtet hatten, konnten Sie mit einem relativ ruhigen Job rechnen. Nicht dass es nicht auch anstrengend war, Übungsplatzaufenthalte, Ausbildung, Lehrgänge, Wachdienste undsoweiter, aber der Alltagsdienst, morgens zur Arbeit kommen, abends wieder nach Hause gehen, das war plötzlich weg, als bekannt wurde, dass es unsere Batterie treffen würde.

Was bedeutet das für Sie?

Die Welt, in der wir uns in unserer Kaserne in Axstedt bei Bremerhafen eingerichtet hatte, änderte sich mit einem Schlag. Der einzige bis dahin denkbare bewaffnete Einsatz war der dritte Weltkrieg, wenn die Truppen des Warschauer Paktes uns angegriffen hätten. Mein Eindruck war, dass es früher viele Zeit- und Berufssoldaten gab, die gerne etwas Soldat spielten. Aber einen Einsatz mit der Waffe in der Hand? Das war nicht in den Köpfen drin, da war niemand drauf vorbereitet. Man ist ja nicht zur Bundeswehr gegangen, um irgendwo zu kämpfen, sondern um einen sicheren Job und etwas Abenteuer zu haben.

Was passierte, als der Befehl kam, die Batterie in den Südosten der Türkei nach Diyarbakir zu verlegen?

Es gab im Vorfeld eine Menge Gerüchte. Das Geschwader hatte sechs Batterien und jede davon hoffte natürlich, dass es nicht sie selbst treffen würde. Die Gespräche drehten sich nur noch um dieses Thema und die meisten waren der Meinung, auf keinen Fall mitzugehen: Dann haue ich ab, war die Parole. Auch bei den Unteroffizieren und Feldwebeln mit denen ich zu tun hatte. Alle waren sehr nervös. Als dann aber klar war, dass es unsere Batterie es sein würde, ging alles ratz-fatz.

 

Einsatz in der Türkei

Einsatz in der Türkei

Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg und ein Alpha-Jet-Pilot der Luftwaffe in der Türkei. Die Bundeswehr sollte helfen, während des Golfkriegs den Irak davor abschrecken, Ziele in der Türkei anzugreifen. Foto: dpa

Leben im Container

Leben im Container

Da die Hotels ausgebucht sind, wurden die Rekruten in Wohncontainern untergebracht. Als Teil der Nato-Eingreiftruppe wurden 1991 rund 250 Luftwaffensoldaten und 18 Alpha-Jets in die Türkei verlegt. Foto: dpa

Minister auf Infotour

Minister auf Infotour

Truppenbesuch: Gerhard Stoltenberg bespricht die Wohnsituation der Soldaten in den Wohncontainern. Der Einsatz Anfang 1991 war der erste Einsatz der Bundeswehr in einem Krisengebiet. Foto: dpa

 

Was haben Sie gemacht?

Als der Befehl kam, war alles zum Verlegen vorbereitet und es blieb kaum Zeit zum Nachdenken. Innerhalb von nur fünf Tagen war alles Gerät verladen und abtransportiert. Entsprechend schnell musste man sich persönlich entscheiden. Wir waren 44 Wehrpflichtige in der Batterie. Von denen hatten binnen kürzester Zeit 42 nachträglich einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung gestellt. Auch von den Zeitsoldaten haben einige diesen Weg gewählt. Die haben plötzlich ihr Gewissen gefunden und dann auch nachträglich verweigert. Ich glaube, auch Offiziere waren darunter, zumindest waren einige sehr plötzlich weg.

Was wurde aus den Soldaten, die nachträglich verweigert hatten?

Die sind sehr schnell aus der Truppe herausgelöst worden. Im Nachhinein bin ich überzeugt, dass die höhere Führung diese Reaktion schon vorausgesehen hatte. Die hatten gerade ihre Verweigerung auf dem Geschäftszimmer abgegeben, da konnten sie schon ihre Sachen zusammenpacken. Wohl um weiterer Ansteckung vorzubeugen, sind die Betreffenden noch am gleichen Tag nach Köln verlegt worden. Ich meine, die sind dann bis zu ihrer Entlassung mit dem Packen und Verladen von Hilfsgütern beschäftigt worden.

Sie sind einer der zwei verbliebenen Wehrpflichtigen gewesen, was hat Sie dazu bewogen?

Ich war der Meinung, wenn man sich schon entschieden hatte, Wehrdienst zu leisten, dann muss man das auch durchziehen. Nach einigen Tagen allerdings, als die Masse der Wehrpflichtigen schon den Verweigerungsantrag abgegeben hatte, wurde bekannt, dass ausschließlich Zeit- und Berufssoldaten in den Einsatz geschickt werden. Ich wäre im Fall der Fälle aber mitgegangen, das gehörte für mich einfach dazu.

 

Kämpfen lernen, um nicht kämpfen zu müssen - das war das Motto der Bundeswehr bis zum Ende des Kalten Krieges. Nach der Wende änderte sich das. Der Türlkei-Einsatz war der erste der Bundeswehr in einem Krisengebiet. Heißenbüttel, damals Wehrpflichtiger, wäre mitgegangen, wenn er gedurft hätte. Foto: dpa

Kämpfen lernen, um nicht kämpfen zu müssen – das war das Motto der Bundeswehr bis zum Ende des Kalten Krieges. Nach der Wende änderte sich das. Der Türkei-Einsatz war der erste der Bundeswehr in einem Krisengebiet. Heißenbüttel, damals Wehrpflichtiger, wäre mitgegangen, wenn er gedurft hätte. Foto: dpa