Die Ausrüstung der Bundeswehr –
leichte Infanterie
statt großer Panzerarmeen

Mehr als 5000 Kampfpanzer standen 1989 in westdeutschen Kasernen. In Zukunft wird das Heer der Bundeswehr gerade noch über 225 Leopard 2 A6 verfügen. Damals, in der Vor-Wende-Zeit des Kalten Krieges, war die Planung auf die Panzerarmeen des Warschauer Paktes ausgerichtet. Auf einen Gegner, der über eine moderne und ähnlich gut organisierte Armee verfügte wie die Bundeswehr beziehungsweise die Nato selbst. Heute richtet man sich auf den irregulären Kämpfer ein, der mit leichten Waffen und Sprengfallen versteckt agiert. Eine große Panzerarmee wird gegen solch einen guerilla-artigen Gegner nicht mehr benötigt. Das Augenmerk liegt jetzt vielmehr auf dem Einsatz leichter Bodentruppen.

Die leichten Kräfte der Infanterie, raus aus ihren Fahrzeugen, nur mit Handwaffen bewaffnet, zu Fuß das Gefecht im Angesicht des Gegners führen, werden verstärkt: Jäger, Fallschirmjäger, Gebirgsjäger für den Kampf in schwierigem oder unwegsamem Gelände wie dem Häuser-, Dschungel- oder Gebirgskrieg. Zudem werden in den Stäben der Brigaden des Heeres extra Dienstposten für OLMT-Aufgaben geschaffen: Diese Soldaten stehen abrufbereit, mit ihrem Team Militärs in zerfallenden Staaten zu beraten und auszubilden.

 

 

Im Gegenzug werden diejenigen Komponenten stark reduziert oder ganz aufgelöst, mit denen in der Vergangenheit ein herkömmlicher Krieg gegen normales Militär geführt werden sollte: Also solche Waffengattungen, die im afghanischen Einsatzszenario weniger bedeutend sind wie zum Beispiel Kampfjets, Panzer, Flugabwehr, Raketenwerfer und Haubitzen – die im klassischen Kriegseinsatz wichtigste Kampfunterstützung. Die Pioniere zum Beispiel haben kaum noch genug Mittel zum Brückenschlag. Und das ursprüngliche Hauptgeschäft, Minensperren legen, um einen Feind mit Panzern aufzuhalten, und Minensperren räumen, ist vollkommen aufgegeben worden. Dafür sind nunmehr ein Drittel aller Pionierkräfte mit der Kampfmittelabwehr befasst, also dem Finden und Beseitigen sogenannter IED, improvisierter Sprengfallen, dem wirkungsvollsten Kampfmittel der Aufständischen in asymmetrischen Konflikten. Denn in Afghanistan ist es zu einer der wichtigsten Aufgaben der Truppe geworden, solche Sprengfallen zu finden, zu erkennen, abzuwehren und zu beseitigen. Dazu gehört auch die sogenannte Route-Clearence, das Offenhalten von Straßen und Nachschubwegen.

In diesem Zusammenhang steht auch der verbesserte Panzerschutz der Einsatzkräfte. Die Fallschirmjägertruppe, deren übliches Gruppentransportfahrzeug der ungepanzerte Zweitonner/Unimog war, hat mit dem Mungo ein leicht gepanzertes und luftverladebares Gefechtsfahrzeug bekommen. Für Patrouillen wurden die ungeschützten Geländewagen durch gepanzerte Fahrzeuge wie den Dingo ersetzt. Selbst Transport-Lkw werden heute, eine Lehre aus Afghanistan, mit gepanzerten Kabinen ausgerüstet, da Anschläge jederzeit und überall stattfinden können.

 

UM DAS LEBEN DER SOLDATEN ZU SCHÜTZEN, WURDEN MEHR UND MEHR GEPANZERTE FAHRZEUGE ANGESCHAFFT

Mungo

Mungo

Der Mungo ist das Mehrzweck- und Transportfahrzeug der Luftlandekräfte des Heeres. Entsprechend passt ein Mungo in einen Transporthubschrauber CH53. Foto: dpa

Dingo

Dingo

Der Dingo als Allschutz-Transportfahrzeug hat eine Sicherheitszelle zum Schutz der Besatzung gegen Sprengfallen. Das Fahrzeug ist 6,11 Meter lang und wiegt 12,5 Tonnen. Foto: dpa

Marder

Marder

Der Schützenpanzer Marder, 37 Tonnen schwer und mit einer 200 Millimeter Maschinenkanone bewaffnet, ist, wie die Soldaten sagen, das „Mutterschiff“ der Panzergrenadiere. Sie nutzen es in Afghanistan. Foto: dpa

Fennek

Fennek

Der Spähwagen Fennek ist das Arbeitsgerät der Aufklärer. Joint Fire Support Teams nutzen die moderne Sensorik des Fenneks zur Feindaufklärung und leiten Daten direkt weiter. Foto: dpa

 

Zu den wichtigsten Anforderungen an neue Gefechtsfahrzeuge gehört heute die Möglichkeit, per Flugzeug wohin auch immer transportiert und in jeder Klimaregion eingesetzt werden zu können. Der neue Schützenpanzer Puma verfügt daher sowohl über eine Klimaanlage, wie auch über einen Panzerschutz, der teilweise abnehmbar ist, damit das Fahrzeug mit der neuen Transportmaschine A400M verlegt werden kann.

Dadurch werden die Anforderungen an das Material immer komplexer, und die Kosten steigen. Künftig werden deshalb nicht mehr alle Verbände mit dem gesamten Ausrüstungsspektrum für alle denkbaren Einsätze zu 100 Prozent ausgestattet. Truppenteile und Besatzungen werden von ihrem Großgerät getrennt. An die Stelle einer festen und alles umfassenden Ausstattung mit Material tritt eine gezielte, zeitlich begrenzte Zuweisung von Fahrzeugen und Waffensystemen, die sich nach den Ausbildungsaufträgen richtet, die sich ihrerseits wiederum an aktuell anstehenden Einsätzen orientieren.

Erst in asymmetrischen Kriegen
sind auch Kampfdrohnen sinnvoll

Der Wunsch nach weltweit einsetzbaren Kampfdrohnen gehört zu der Konzeption einer Interventionsarmee. In einem Konflikt mit einem Gegner, der über eine eigene Luftwaffe oder Flugabwehr verfügt, wären ferngesteuerte Drohnen schnell verloren – aber in einem asymmetrischen Szenario, gegen einen technologisch krass unterlegenen Gegner, hat deren Einsatz einen Sinn.

Gab es zwischen 1990 und 2001 innerhalb der Bundeswehrführung noch das Bestreben, möglichst viele Fähigkeiten aufrecht zu erhalten, hat sich mit dem Afghanistaneinsatz das neue Fähigkeitsprofil aber insoweit festgelegt, als nur das internationale Krisenmanagement als „strukturbildend“, also bestimmend für Ausrüstung, Organisation und Training sein soll. Andere Fähigkeiten werden bis an die Grenze militärischer Bedeutsamkeit reduziert, wie die Panzer, oder den neuen Profilen angepasst, wie die Korvetten der Marine. Diese Schiffsart zeichnet sich durch einen sehr geringen Tiefgang aus, kann sehr nah an Küsten heranfahren und von See her Landoperationen unterstützen.

«Euro Hawk»-Untersuchungsausschuss

SPD-Verteidigungspolitiker Rainer Arnold. Foto: dpa

„Strukturbildend“ ist Afghanistan in zweifachem Sinne gewesen, sagt SPD-Verteidigungspolitiker Rainer Arnold – einem guten und einem schlechten. Zum einen habe das Parlament, als es am Hindukusch immer gefährlicher wurde, eine beschleunigte Beschaffung für einen einsatzbedingten Sonderbedarf durchsetzen können – vor allem gepanzerte, möglichst luftverlegbare Fahrzeuge, Hubschrauber, Aufklärungstechnologie. Manches kam dennoch zu spät, steht künftig aber zur Verfügung. Zum anderen aber sei der damalige Verteidigungsminister Thomas de Maizière bei der Bundeswehrreform „viel zu sehr von einem Afghanistan- oder Kosovo-Szenario ausgegangen, wo Infanteristen die schwerste und gefährlichste Arbeit leisten“. Deshalb habe er die Infanterie in Relation zu anderen Fähigkeiten enorm gestärkt. Aber, sagt Arnold, dabei habe de Maiziere eine Lehre aus Afghanistan nicht gezogen, die andere ziehen: Dass man wahrscheinlich, „wenn es nicht irgendwo ganz lichterloh brennt“, nicht ohne weiteres noch einmal mit 100.000 Soldaten in ein fremdes Land gehen werde. Die Bundeswehr der Zukunft müsse eher mit vielen kleinen parallel laufenden Einsätzen rechnen. So wie wir es derzeit erlebten, in der Ukraine, im Irak, in Mali und anderswo. Das aber setze Fähigkeiten voraus, „die wir derzeit nicht ausreichend haben“: mehr Lufttransportmöglichkeiten, mehr Hubschrauber, mehr Kommunikations- und mehr Aufklärungtechnik und eine bessere medizinische Versorgung.

 

Und was wird aus der Landes-
und Bündnisverteidigung?

Wir haben die Fähigkeit
zu einer wirkungsvollen
Verteidigung eingebüßtHarald Kujat, Ex-Generalinspekteur

Das Heer wird, das ist unumstritten, nach der Umstrukturierung besser in der Lage sein, irreguläre Gegner in asymmetrischen Konflikten zu bekämpfen. Zugleich aber könnte die Truppe ohne langwierige Umorganisation nicht mehr in der Lage sein, gegen einen Gegner eingesetzt zu werden, der über eine eigene, halbwegs ausgerüstete und leidlich ausgebildete Armee verfügt. Im Angesicht der Krise in der Ukraine wirkt sich diese einseitige Ausrichtung der Bundeswehr und anderer westeuropäischer Armeen bereits negativ aus. Denn die Bundeswehr steht mit ihrer Ausrichtung auf die asymmetrischen Konflikte nicht allein. Auch Niederländer, Belgier, Franzosen, Italiener und Spanier haben ihre Streitkräfte zu einer Interventionstruppe umgebaut. Vor diesem Hintergrund wird die Angst der Polen und der baltischen Länder vor einer russischen Bedrohung erst wirklich verständlich: Aus ihrer Sicht gibt es in Westeuropa nichts mehr, womit der russische Generalstab ernstlich rechnen müsste.

In den Worten von Ex-Generalsinspekteur Harald Kujat: Ein Hilferuf hätte die Nato in eine sehr schwierige Situation gebracht. Weil die großen europäischen Staaten „ihren Fokus auf Stabilisierungs- und auf Krisenoperationseinsätze gesetzt haben und die Fähigkeit zur Landes- und Bündnisverteidigung deutlich reduziert haben“. Da zudem die Amerikaner ihre Kampfeinheiten größtenteils aus Europa abgezogen haben, bedeute das, „wir haben die Fähigkeit zu einer wirkungsvollen Verteidigung eingebüßt“. In jedem Fall, so Kujat weiter, „würde es sehr lange dauern die Kräfte zu mobilisieren, die den Schutz übernehmen müssten, und das würde uns in die Situation bringen, dass wir das, was uns Artikel 5 des Nato-Vertrages vorschreibt, nämlich Schutz und Sicherheit der Vertragspartner, nicht erfüllen könnten“.

 

Putins Annexion der Krim...

Putins Annexion der Krim...

Am 9. Mai 2014 reiste Russlands Präsident Wladimir Putin am wichtigsten russischen Feiertag demonstrativ auf die abtrünnige ukrainische Schwarzmeerhalbinsel Krim. Es war Putins erster Besuch auf der Krim seit dem international nicht anerkannten Anschluss. Foto: dpa

... lässt die Nato zusammenrücken

... lässt die Nato zusammenrücken

Beim Nato-Gipfel in Wales Anfang September 2014 beschließt die Allianz nicht zuletzt auf Drängen Polens und der baltischen Staaten die Schaffung einer schnell einsetzbaren Truppe, um künftig innerhalb weniger Tage auf Bedrohungen wie diese reagieren zu können. Foto: dpa

 

Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hellmut Königshaus (FDP) sieht die Truppe zwar für Auslandseinsätze gut gerüstet. Doch habe sie „enorme Defizite in der Infrastruktur und der Ausrüstung für die klassische Landesverteidigung, wie sie als Hauptauftrag im Grundgesetz steht“. Es brauche aber „einsatzfähige und durchhaltefähige Strukturen und eine moderne Ausrüstung sowie Ausbildung“ für alle Aufgaben, mahnte Königshaus.

Celler Trialog 2009

Henning Otte ist verteidigungspolitischer Sprecher der Union. Foto: dpa

Das sieht Henning Otte ähnlich. Der verteidigungspolitische Sprecher der CDU wünscht sich angesichts der neuen sicherheitspolitischen Bedrohungen in Osteuropa eine „Rückbesinnung auf die Fähigkeiten zur Landes- und Bündnisverteidigung“. Attraktivität sei wichtig, „aber wir müssen auch die hard facts haben: Ausrüstung, Ausrüstung, Ausrüstung.“ Otte fordert eine Aufstockung des Verteidigungsetats. Um aus einer glaubhaft starken Position heraus diplomatisch Konfliklösungen finden zu können, brauche es zwecks Abschreckung auch schweres Gerät, Panzer, Leo 2, „und zwar nicht nur auf dem Papier und mit einer eingeschränkten Einsatzbereitschaft“. Zudem plädiert Otte für eine wehrtechnische Industrie in Deutschland als nationale Sicherheitsvorsorge. „Wir müssen den Anspruch haben, dass deutsche Soldaten auch mit nationalem deutschen Gerät ausgestattet werden können – dies ist das beste, was es gibt auf der Welt“. Und die Erfahrung zeige, „dass wir uns nicht darauf verlassen dürfen, von anderen Nationen beliefert zu werden, weil die zuerst ihre eigenen Leute beliefern“. Aber, fügt Otte in Richtung der Rüstungshersteller hinzu: Die Industrie müsse auch in der Lage sein, Verträge zu erfüllen – zum vereinbarten Preis, in der vereinbarten Menge, und zum vereinbarten Zeitpunkt. „Darauf muss sich Deutschland verlassen können.“ Michael Schmidt