Afghanistan – Der größte Einsatz
in der Geschichte der Bundeswehr

Gefallene, Verwundete, Krieg, Veteranen – wie kein anderer Einsatz zuvor, prägt die Afghanistanmission die Bundeswehr als weltweit einsetzbare Interventionsarmee. Seit 13 Jahren engagiert sich Deutschland mit seinen Partnern am Hindukusch. Ende 2014 soll der bewaffnete Kampfeinsatz enden. Der Abzug läuft bereits.

Nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 in New York beschloss die internationale Gemeinschaft in Afghanistan einzugreifen, wo das radikalislamische Talibanregime den Urhebern der Anschläge um Al-Qaida-Chef Osama bin Laden Unterschlupf gewährte. Nie wieder sollte das kriegszertörte Land ein Rückzugsraum für den internationalen Terrorismus werden.

Was als Stabilisierungsmission in der Hauptstadt Kabul begann, weitete sich nach und nach zum größten Einsatz in der Geschichte der Bundeswehr aus, der jetzt schon mehr als doppelt so lange wie der Zweite Weltkrieg dauert.

 

Wie alles begann: Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001

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Eine Zeitenwende - danach war nichts mehr wie zuvor

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Der Drahtzieher: Im Schutz des Taliban-Regimes plante Osama bin Laden die Anschläge

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PHASE 1 – SCHUTZ DER REGIERUNG IN KABUL

Am 22. Dezember 2001 verabschiedet der Deutsche Bundestag das erste Afghanistan-Mandat. Mit bis zu 1200 Soldaten soll sich die Bundeswehr an der internationalen Schutztruppe Isaf beteiligen, um im Auftrag der Vereinten Nationen „die vorläufigen Staatsorgane Afghanistans bei der Aufrechterhaltung der Sicherheit in Kabul und seiner Umgebung so zu unterstützen, dass sowohl die vorläufige afghanische Regierung als auch das Personal der Vereinten Nationen in einem sicheren Umfeld arbeiten können“.

 

Dezember 2002, Bonn, Petersberg: Der afghanische Präsident Hamid Karsai  und Bundeskanzler Gerhard Schröder auf dem Weg zum Sitzungssaal, in dem die internationale Afghanistan-Konferenz abgehalten wird. Die internationale Gemeinschaft sagt Afghanistan Hilfe beim Wiederaufbau zu. Foto: dpa

Dezember 2002, Bonn, Petersberg: Der afghanische Präsident Hamid Karsai und Bundeskanzler Gerhard Schröder auf dem Weg zum Sitzungssaal, in dem die internationale Afghanistan-Konferenz abgehalten wird. Die internationale Gemeinschaft sagt Afghanistan Hilfe beim Wiederaufbau zu. Foto: dpa

 

Anfang Januar 2002 treffen die ersten Isaf-Kräfte in Kabul ein. Deutsche Soldaten beteiligen sich erstmals am 14. Januar an einer Patrouille in der kriegszerstörten Stadt. Aufgrund der anfangs niedrigen Gefährdungslage tragen sie Mützen statt Helme und bewegen sich mit ungepanzerten Fahrzeugen durch das Land. Für die Versorgung der deutschen Truppen wird im Nachbarland Usbekistan in Termes ein Luftumschlagplatz in Betrieb genommen.

Erste wichtige Aufgabe der Isaf ist die Absicherung der Loja Dschirga zur Etablierung einer afghanischen Übergangsregierung im Juni 2002. Auch der vereinbarte Aufbau der Afghanischen Nationalarmee beginnt. Nur wenige Wochen später werden der deutschen Bevölkerung die Gefahren des neuen Einsatzes bewusst, als zwei deutsche und drei dänische Soldaten beim Entschärfen einer Flugabwehrrakete sowjetischer Bauart sterben und weitere Soldaten verletzt werden.

Im Juni 2003 sterben die ersten deutschen Soldaten durch einen Selbstmordanschlag

Doch nicht nur die Hinterlassenschaften des Krieges stellen für die internationalen Truppen eine Gefahr dar. Die Bundeswehr muss erkennen, dass sie mit ihrer Beteiligung an der internationalen Stabilisierungsmission ins Fadenkreuz von Terroristen gerät. Am 7. Juni 2003 wird auf die Bundeswehr der erste tödliche Anschlag verübt. Auf der Fahrt eines deutschen Konvois zum Kabul International Airport zerstört die Bombe eines als Taxi getarnten Selbstmordattentäters einen Bundeswehrbus. Vier deutsche Soldaten werden getötet, 29 zum Teil schwer verletzt. Die Bundeswehr setzt angesichts derartiger Anschläge zunehmend gepanzerte Fahrzeuge ein.

 

Phase 2 – Deutschland übernimmt Verantwortung

 

Außerhalb von Kabul kommt es immer wieder zu Kämpfen mit Taliban und Al-Qaida-Kämpfern. Der bewaffnete Kampf ist vor allem Aufgabe der Anti-Terror-Operation „Enduring Freedom“, die parallel zur internationalen Schutztruppe gegen Terroristen und Kämpfer des besiegten Talibanregimes vorgeht und vor allem von US-Truppen getragen wird. Auf Wunsch der afghanischen Regierung wird das Operationsgebiet von Isaf im Herbst 2003 ausgeweitet, um auch außerhalb von Kabul für Sicherheit und Stabilität zu sorgen. Die internationalen Truppen werden verstärkt, darunter auch das deutsche Kontingent. Bundeswehrsoldaten übernehmen das von den Amerikanern aufgebaute Regionale Wiederaufbauteam (PRT) in der nordafghanischen Provinz Kundus.

LESEN SIE HIER WIE SICH DAS DEUTSCHE KOMMANDO SPEZIALKRÄFTE
AM ANTI-TERROR-KAMPF BETEILGT

 

Damals gibt es eine einzige geteerte Straße in der gleichnamigen Provinzhauptstadt, in der sich die Menschen vor allem zu Fuß oder mit Pferdekutschen fortbewegen. Heutzutage herrscht morgens Berufsverkehr, die Autos rollen beinahe durchweg über Asphalt, Kutschen sind fast verschwunden. Das ist das sichtbarste Zeichen dafür, wie sich die Region mit deutscher Hilfe entwickelt hat. Kundus hat zugleich die Bundeswehr verändert – deren Soldaten erst als Entwicklungshelfer in Uniform belächelt wurden und nun als Kämpfer abziehen.

 

Eine Stadt aus Zelten und Container: Das Feldlager Kundus

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Mit Sandsächen und Tarnnetzen geschützt: Das Kommandeursgebäude im Bundeswehr-Camp

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Der Zugang zum Camp wird steng kontrolliert

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Als Deutschland mit dem zivil-militärischen Wiederaufbauteam (PRT) in Kundus antritt, schätzt die Bundeswehr die Lage dort als „ruhig, aber nicht stabil“ ein – kaum jemand kann damals ahnen, wie zutreffend diese Analyse noch sein wird. Die Deutschen übernehmen das PRT von den Amerikanern in der Provinz. Noch im Herbst 2003 sagt der damalige US-Kommandeur des PRT, Oberst Frederick Tawes: „Die Sicherheitslage ist wahrscheinlich die beste in Afghanistan.“ Seine Soldaten hätten während des ganzen Einsatzes keinen Schuss abgeben müssen. Angst müssten die Deutschen also keine haben. Am Anfang wird der neue deutsche Standort als „Bad Kundus“ verspottet.

Im Zuge der weiteren Ausweitung des Isaf-Mandates betreibt die Bundeswehr ab Sommer 2004 ein weiteres PRT in Faisabad, während sie die in Kabul stationierten deutschen Kräfte nach und nach reduziert. Im folgenden Jahr übernimmt Deutschland die Aufgaben als Regional Area Coordinator North (RAC North) und später das Regional Command North (RC North) und trägt in dieser Funktion die Verantwortung für die Koordination des Wiederaufbaus im gesamten Norden Afghanistans. In Masar-i Scharif entsteht das Camp Marmal, das Sitz des Hauptquartiers des Regionalkommandos Nord wird.

 

Phase 3 – Die Sicherheitslage verschlechtert sich

Al Quaida schien weitgehend besiegt, doch die Islamisten zogen sich zurück - und kamen wieder: Kämpfer der Taliban greifen die internationalen Truppen bis heute immer wieder an. Foto: dpa

Al Qaida schien weitgehend besiegt zu sein, doch die Islamisten zogen sich zurück – und kamen wieder: Kämpfer der Taliban greifen die internationalen Truppen bis heute immer wieder an. Foto: dpa

Trotz der erzielten Fortschritte beim Wiederaufbau und der Stabilisierung Afghanistans bereitet die Entwicklung der Sicherheitslage insbesondere im Süden und Osten seit Ende 2005 zunehmend Sorge. Neben organisierter Kriminalität, Drogenkriminalität und Stammesrivalitäten versuchen die zuvor ins Nachbarland Pakistan ausgewichenen Taliban immer massiver, verloren gegangenes Terrain in Afghanistan zurückzugewinnen. Angriffe und Anschläge auf Isaf-Soldaten und afghanische Sicherheitskräfte sowie auf Mitarbeiter der Vereinten Nationen und Entwicklungsorganisationen nehmen zu.

Zwar bleibt es im deutschen Verantwortungsbereich im Norden Afghanistans zunächst ruhig, doch ab 2007 häufen sich auch hier die Angriffe von Aufständischen. Taliban-Kämpfer sickern in den Norden Afghanistans ein. Sie überfallen Städte und Polizeistationen. Neben Stabilisierung und Wiederaufbau muss sich die Bundeswehr zunehmend der Bekämpfung von feindlichen Kräften zuwenden. Aus dem Stabilisierungseinsatz wird einer zur Aufstandsbekämpfung.

2010 kommt es zum schwersten Gefecht
deutscher Soldaten seit dem Zweiten Weltkrieg

Im Mai 2007 werden drei deutsche Soldaten bei einem Selbstmordanschlag in Kundus-Stadt getötet. Die Taliban bringen ganze Distrikte unter ihre Kontrolle, die Sicherheitslage verschlechtert sich stetig. Unter deutschem Kommando gelingt es internationalen und afghanischen Truppen von den Taliban besetzte Gebiete zurückzugewinnen. Auf Anfrage der Nato stellt die Bundeswehr ab Juli 2008 die Kräfte für die Quick Reaction Force in Nordafghanistan. Der bislang von Norwegen gestellte Kampfverband wird mit gepanzerten Transportfahrzeugen und dem Schützenpanzer Marder 1A5 ausgestattet

In der Provinz Kundus kommt es am Karfreitag 2010 zu Kämpfen mit den Taliban. Drei Bundeswehrangehörige kommen ums Leben. Es ist das schwerste Gefecht deutscher Soldaten seit dem Zweiten Weltkrieg.

 

Der offizielle Ehrenhain

Der offizielle Ehrenhain

Hier gedenken bei Truppenbesuchen Präsidenten, die Kanzlerin, die Minister der Toten. Beim Einsatz in Afghnaistan starben bisher mehr als 50 Bundeswehr-Soldaten. Foto: dpa

Leyen auf Truppenbesuch

Leyen auf Truppenbesuch

Ministerin Ursula von der Leyen nutzte ihren ersten Aufenthalt in Afghanistan, um bei einem Truppenbesuch der Toten zu gedenken. Foto: dpa

Der inoffizielle Hain

Der inoffizielle Hain

Die Soldaten haben einen eigenen Ehrenhain errichtet. Im Vordergrund die zerschossene Tür eines Panzerfahrzeugs - und ein Gehege für sieben Schildkröten. Foto: dpa

 

Im PRT Kundus erinnert der offizielle Ehrenhain an die Gefallenen, bei Truppenbesuchen gedenken dort Minister und die Kanzlerin der Toten. Soldaten haben ihren getöteten Kameraden aber auch eigene Mahnmale errichtet. Nahe des Hubschrauberlandeplatzes sind an einer Mauer große Holzkreuze für sieben Tote angebracht, darunter auch die drei Opfer vom Karfreitag 2010. Davor ist ein Gehege mit sieben Schildkröten und einer kleinen deutschen Flagge. „Schildkröten symbolisieren in diesem Land ewiges Leben“, steht auf einem Schild. „Damit unsere gefallenen Kameraden in unseren Gedanken immer weiter leben, halten wir für jeden Kameraden eine Schildkröte“.

Nach dem Luftangriff auf zwei Tanklaster
in Kundus ist klar: Das hier ist Krieg

Nicht nur mit dem Karfreitags-Gefecht, auch mit einem anderen verhängnisvollen Vorfall ist der Name Kundus untrennbar verbunden: Im PRT ordnet Oberst Georg Klein – später zum Brigadegeneral befördert – im September 2009 einen Luftschlag auf zwei von den Taliban gekaperte Tanklastwagen an. Bei dem nächtlichen Bombardement werden nach Nato-Einschätzung bis zu 142 Menschen, darunter viele Zivilisten, getötet und weitere verletzt.
Im öffentlichen Bewusstsein in Deutschland kommt spätestens jetzt an, dass die Bundeswehr in Afghanistan im Krieg ist – auch wenn die Bundesregierung diesen Ausdruck damals weiterhin vermeidet.


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Bei dem von Bundeswehr-Oberst Klein befohlenen Luftangriff auf zwei Tanklaster kommen nach Nato-Schätzungen mehr als 140 Menschen, darunter zahlreiche Zivilisten ums Leben. Foto: dpa

Bei dem von Bundeswehr-Oberst Klein befohlenen Luftangriff auf zwei Tanklaster kommen nach Nato-Schätzungen mehr als 140 Menschen, darunter zahlreiche Zivilisten ums Leben. Foto: dpa

Drei Wochen vor dem Bombardement sagt Oberst Klein zur Lage in Kundus: „Es vergeht fast kein Tag mehr, an dem nicht geschossen wird.“ Die Taliban errichteten in der Provinz inzwischen mobile Straßensperren. „Die Soldaten müssen in dem Moment auf Angriffe eingestellt sein, wo sie das Tor des Lagers hinter sich lassen. Im Lager muss man mit Raketenangriffen rechnen.“ Der Einsatz der Bundeswehr ist geprägt von beinahe täglichen Feuergefechten. Bei seinen Angriffen und Hinterhalten geht der Gegner zunehmend militärisch organisiert vor. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg spricht erstmals von „kriegsähnlichen Zuständen“ und trifft damit das Gefühl vieler Soldaten, die sich in Afghanistan beinahe täglich stundenlange Gefechte mit einem asymmetrisch kämpfenden Gegner liefern. Die Bundeswehr reagiert auf die gestiegene Bedrohung und verlegt zusätzliche schwere Waffen wie die Panzerhaubitze 2000 nach Afghanistan.

Auch rechtlich setzt man sich in Deutschland mit dem Bundeswehreinsatz neu auseinander. Im Zuge der Aufarbeitung des Luftangriffes von Kundus entscheidet die Bundesanwaltschaft im März 2010, dass es sich beim Afghanistaneinsatz der Bundeswehr um einen nichtinternationalen bewaffneten Konflikt – sprich Bürgerkrieg – handelt. Für Soldaten der Bundeswehr gilt daher statt des deutschen Strafgesetzbuches das Völkerstrafgesetzbuch.

 

Phase 4 – Strategiewechsel, Neuausrichtung und Übergabe der Sicherheitsverantwortung – Abzug

Unter dem Eindruck der landesweiten Verschlechterung der Sicherheitslage entschließen sich die Nato-Staaten zu einer massiven Aufstockung der Isaf-Truppen und gleichzeitig zu einem weitreichenden Strategiewechsel. Die Anstrengungen im Bereich Aufbau und Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte werden deutlich verstärkt und das militärische Engagement stellt noch stärker den Schutz der afghanischen Bevölkerung in den Vordergrund.

Statt aus den wenigen Feldlagern heraus die Umgebung durch Patrouillen zu sichern, geht Isaf dazu über, das von Aufständischen befreite Gebiet auch durch permanente Präsenz von Truppen zu sichern. In diesen Zusammenhang gehört zum Beispiel die Operation Halmasag – die erste deutsche Offensive seit dem Zweiten Weltkrieg. Es gelang der Bundeswehr die Aufständischen aus dem gefährlichsten Distrikt Nordafghanistans zu großen Teilen zu verdrängen.


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Diese „Blitz“-Operation markiert eine Zäsur. Es war die erste deutsche Offensive seit dem Zweiten Weltkrieg.  Foto: dpa

Diese „Blitz“-Operation markiert eine Zäsur.
Es war die erste deutsche Offensive seit dem zweiten Weltkrieg. Foto: dpa

„Partnering“ hieß das Schlüsselwort. Dabei werden die Afghanen verstärkt in die Operationen eingebunden. In Masar-i Scharif und Kundus werden jeweils ein deutsches Ausbildungs- und Schutzbataillon aufgestellt, ausgerüstet mit allem, was für selbstständige und intensive Operationen notwendig ist – Kampftruppen, Pioniere, Sanitäter, Aufklärer und Kampfmittelbeseitiger. Sie ersetzen die QRF, die im Oktober 2010 aufgelöst wird.

 

FOTOSTRECKE „PARTNERING“

 

Die Soldaten operieren in der Fläche, sind ständig präsent. Auch wenn sich das Risiko für die Soldaten zunächst erhöht, zeigt die neue Vorgehensweise Erfolge. Die Isaf lässt sich Räume, die sie gewonnen hat, nicht mehr nehmen, sondern überführt sie in die Sicherheitsverantwortung der Afghanen, sobald diese dazu in der Lage sind. Darüber hinaus werden vor allem die Anführer der Aufständischen von Spezialkräften ins Visier genommen. Für die Aufständischen werden die Rückzugsräume immer kleiner. Viele geben den Kampf auf und ergreifen im Reintegrationsprogramm für Talibankämpfer die Chance für ein neues Leben.

Ihr habt Uhren,
wir haben ZeitSpruch der Taliban

Im ersten Halbjahr 2011 ändern die Aufständischen ihre Vorgehensweise. Statt die Isaf-Truppen in Hinterhalte und Gefechte zu verwickeln, setzen sie verstärkt auf behelfsmäßig hergestellte Sprengfallen. Getarnt als Abfall am Straßenrand, versteckt in Wasserdurchläufen unter der Straße sind die im Fachjargon IED genannten Sprengvorrichtungen die tödlichste Gefahr für die Soldaten. Der nahende Abzugstermin der internationalen Truppen lässt sie neue Hoffnung schöpfen. „Ihr habt Uhren, wir haben Zeit“, ist ein oft gehörter Spruch. Man wartet ab. Geduldig. Je näher der Abzug rückt, desto größer wird der neue Einfluss der Taliban. Nach all den Jahren, nach mehr als 50 toten deutschen Soldaten, ist ein Erfolg der internationalen Militärmission in Afghanistan deshalb mehr als fraglich. Weshalb die Debatte über das Für und Wider dieses Bundeswehreinsatzes auch mit unverminderter Intensität weiter geführt wird. Michael Schmidt

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Die Ausrüstung für Afghanistan –
ein ständiges Ärgernis

Immer wieder, so lange der Einsatz dauert, bemängeln die Wehrbeauftragten, mit wechselnden Ober-, aber immer dem gleichen Grundton eine Unterversorgung an Fahrzeugen, Ersatzteilen, Computern und zeitweilig sogar an der richtigen Verpflegung im Einsatz. Eines der Kernprobleme laut Hellmut Königshaus (FDP) zum Beispiel ist, dass die Bundeswehr in Afghanistan für die Suche nach Sprengfallen und Minen, die Hauptangriffsmittel der Aufständischen im Kampf gegen die internationalen Truppen, keine eigenen Räumfahrzeuge habe. Die Minensucher der Bundeswehr seien zu Fuß unterwegs und böten dabei Angreifern ein leichtes Ziel.

Die Bundeswehr hatte Schützenpanzer, teils stark geschützte Transportfahrzeuge, Flugzeuge und Transporthubschrauber im Einsatz. Zu den Schützenpanzern vom Typ „Marder“ kamen „Fuchs“-Transportpanzer für zehn Personen und kleinere „Dingos“, weniger geschützte Geländewagen vom Typ „Wolf“, sowie weitere Fahrzeuge vom Kran bis zum Tanklaster. Schwerere Geschütze wie die Panzerhaubitze 2000 wurden erst nach dem schwarzen Karfreitag 2010, bei dem drei deutsche Soldaten ums Leben kamen an den Hindukusch verlegt.

Aus der Luft unterstützt wurde die Bundeswehr durch Transporthubschrauber vom Typ „Sikorsky CH-53“ und „Transall“-Transportflugzeuge, die bereits in den 60er Jahren eingeführt wurden. Für die Aufklärung aus der Luft standen zwischenzeitlich Recce-Tornados zur Verfügung, deren Bordkanonen nur zur Selbstverteidigung eingesetzt werden durften. Luftunterstützung bei Gefechten wurde in der Regel von den US-Streitkräften geleistet. Auf den deutsch-französischen Kampfhubschrauber „Tiger“ musste die Bundeswehr lange warten. Erst im Januar 2013 wurde nach immer neuen Erprobungen und technischen Problemen volle Einsatzbereitschaft gemeldet.

Ausrüstung der Bundeswehr am Hindukusch


Zehn der vor mehr als 30 Jahren eingeführten Schützenpanzer „Marder“ standen der Bundeswehr in Afghanistan zur Verfügung. Für die deutsch-afghanische Militäroffensive im Juli 2009 wurden vier von Masar-i-Scharif in die Krisenregion Kundus verlegt und während der neuntägigen Offensive erstmals in einem Gefecht eingesetzt. Die 20-Millimeter-Bordkanone hat eine Reichweite bis höchstens 2000 Meter – Offiziere sehen hier Probleme beim Kampf gegen Taliban über größere Distanz. Der einst für norddeutsche Bedingungen konstruierte Panzer hat keine Klimaanlage.
Auch zwei Bergepanzer hat die Bundeswehr nach Afghanistan verlegt. Diese Fahrzeuge werden zum Bergen und Abschub von Material eingesetzt. Sie sind mit einem Kran und Winden ausgerüstet und dienen auch als Hebemittel bei der Instandsetzung. Zur weiteren Ausstattung dieser Panzer gehört zudem eine Schneid- und Schweißanlage.
Nicht in Afghanistan stationiert wurden schwere Kampfpanzer vom Typ „Leopard 2“, dem Standard-Kampfpanzer der Bundeswehr. Derzeit verfügt das Heer über 350 dieser Geräte. Gedacht ist der Panzer eigentlich, um in einem Krieg an vorderster Front feindliche Panzer zu vernichten. Die Kanone des „Leopard 2“ hat eine Reichweite von mehr als vier Kilometern. Die Geschosse durchschlagen mehrere Dezimeter dicken Stahl und bringen beim Aufprall Metall zum Schmelzen. Das Fahrzeug hat einen 1500 PS starken Dieselmotor, fährt bis zu 70 km/h schnell und kann bis zu vier Meter tiefe Gewässer durchqueren.

Angesichts der angespannten Sicherheitslage wurden insgesamt drei Panzerhaubitzen 2000 in Afghanistan stationiert. Eine davon wurde ins deutsche Feldlager im nordafghanischen Kundus verlegt. Es ist das schwerste Geschütz, das die Bundeswehr je in einen Einsatz geschickt hat. Die Panzerhaubitze 2000 ist elf Meter lang und hat ein Gefechtsgewicht von 56 Tonnen. Die 155-Millimeter-Kanone kann 40 Kilometer weit schießen und selbst auf diese Entfernung auf 30 Meter genau treffen.

Erstmals setzte die Bundeswehr im Jahr 2009 Mörser mit scharfer Munition ein. Der 120-Millimeter-Mörser „Tampella“ stand schon länger zur Verfügung. Doch Deutschland wollte die dazugehörigen Granaten nicht verwenden, um den Tod von Zivilisten und eigenen Soldaten von vornherein auszuschließen. Bislang setzte die Bundeswehr auf Abschreckung durch Leuchtmunition.

Die Bundeswehr verwendet das Sturmgewehr G36, die Standard-Infanteriewaffe der Bundeswehr.

Die Bundeswehr hat 970 zum Teil stark geschützte Fahrzeuge in Afghanistan gehabt, darunter 210 vom Typ „Dingo“. Ferner fuhren die Soldaten mit dem „Fuchs“-Transportpanzer (100) und dem leicht gepanzerten Militärfahrzeug „Eagle“. Auch Geländewagen vom Typ „Wolf“ (400) waren dort sowie das Mehrzweckfahrzeug „Mungo“. Beide Fahrzeuge bieten bei Anschlägen kaum Schutz. Der „Mungo“ wurde aus dem Kleinlaster „Multicar“ entwickelt, der in vielen deutschen Kommunen zur Reinigung von Gehwegen verwendet wird.

Die Bundeswehr hatte in Afghanistan lange Zeit keine eigenen Kampfhubschrauber, die Patrouillen schützen oder in Kämpfe am Boden aus der Luft eingreifen könnten. Die sogenannte Luftnahunterstützung im Gefechtsfall kam von Isaf-Verbündeten. Der europäische Kampfhubschrauber „Tiger“ kam wegen technischer Probleme erst Anfang 2013 zum Einsatz – der im Juni 2014 endete. Für Lufttransporte standen acht Hubschrauber „Sikorsky CH-53“ zur Verfügung.

Am Hindukusch sind acht „Transall“ stationiert, die in den sechziger Jahren eingeführt wurden und eigentlich 2010 vom A400M abgelöst werden sollten. Wegen Entwicklungsproblemen des Herstellers wird der A400M nun aber erst Jahre später bereitstehen.

Recce-Tornados waren von April 2007 bis Ende November 2010 im Einsatz. Die sechs Flugzeuge waren in Masar-i-Scharif stationiert. Sie haben zwei Bordkanonen, die während des Einsatzes in Afghanistan ausschließlich dem Selbstschutz dienten. Einziger Auftrag der Tornados war wie bei den Nato-Awacs-Maschinen die Aufklärung. Die Awacs-Flugzeuge sind unbewaffnet und können nach Bundeswehrangaben im Gegensatz zu den Tornados keine Ziele am Boden ausmachen. Die Awacs-Besatzungen sollen durch Koordinierung für Sicherheit in der Luft sorgen, weil der zivile Flugverkehr massiv angestiegen ist und Kollisionen mit den Militärmaschinen der internationalen Truppen verhindert werden sollen. Die Taliban haben keine Flugzeuge oder Hubschrauber.

Weil sie nicht bekommen, was sie brauchen, gehen die Soldaten vorm Einsatz Shoppen

Hemden und Helme der Bundeswehr taugten anfangs nicht für den Einsatz in  Afghanistan, die Soldaten kauften sich  sogar Dinge wie Schutzwesten, Brillen, Gehörschutz, Stiefel, Handschuhe und Hosen.

Hemden und Helme der Bundeswehr taugten anfangs nicht für den Einsatz in Afghanistan, die Soldaten kauften sich Schutzwesten, Brillen, Gehörschutz, Stiefel, Handschuhe und Hosen selbst. Foto: mis

 

Für die Bergung von Toten und Verletzten aus der Luft in einer Gefechtssituation ist die Bundeswehr nicht ausgerüstet. Auch fehlt es oft an Kleinigkeiten, weshalb sich Berichte mehrten, wonach die Soldaten, bevor sie in den Krieg zogen, shoppen gingen, weil Hemden und Helm der Bundeswehr in Afghanistan nicht taugen, dünne atmungsaktive Combat-Shirts in Tarnfarben, Helm, Stiefel, Chest-Rig, eine Art Tragegeschirr mit Taschen auf der Brust für Munition und andere überlebensnotwendige Dinge wie Schutzwesten, Brillen, Gehörschutz, Stiefel, Handschuhe und sogar Hosen. Der Wehrbeauftragte Königshaus hörte dergleichen oft. Fast jeder Soldat, der außerhalb des Lagers eingesetzt wird, hat auf eigene Kosten Ausrüstung beschafft. Ohne die privaten Einkäufe sei es schwer, die Aufträge zu erfüllen. Sie addierten sich im Durchschnitt auf rund 1500 Euro, errechnete das Büro des Wehrbeauftragten 2011. Michael Schmidt

 

 

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Wohin treibt Afghanistan?

Seit 2001 führt der Westen einen Krieg in Afghanistan, an dem die Bundeswehr als drittgrößter Truppensteller maßgeblich beteiligt ist. Die Mission: Stabilität und Demokratie schaffen und den Wiederaufbau unterstützen. Doch die Sicherheits­lage ist und bleibt katastrophal, immer wieder gibt es Tote und Verletzte, es fehlt dem Land an politischer Stabilität, und das Wirtschaftswachstum lässt zu wünschen übrig. 13 Jahre danach: Wie steht das Land da, welche Ziele wurden erreicht, welche verfehlt – und was Afghanistan hoffen, was muss es fürchten?

 

Zwischen der Hoffnung auf Frieden...

Zwischen der Hoffnung auf Frieden...

... und ein normales, angstfreies und ruhiges Leben wie hier im nordafghanischen Masar-i-Sharif. Foto: mis

... und immer neuen Anschlägen

... und immer neuen Anschlägen

... wie hier im Juli, im heiligen Fastenmonat Ramadan, als in der Provinz Paktika 40 Menschen ums Leben kommen. Foto: dpa

Ungelebte Demokratie

Afghanistan hat heute ein Parlament, Wahlen und eine Verfassung, in der allen Bürgern zumindest theoretisch grundlegende Menschenrechte garantiert werden. Doch kann man kaum sagen, dass die neuen demokratischen Institutionen auch gelebt werden. Im Parlament wird zwar mitunter heftig debattiert, bei wichtigen Entscheidungen blieb es in den Jahren unter Präsident Hamid Karsai aber oft außen vor, weil sich dieser seine Politik lieber von Ratsversammlungen traditioneller Würdenträger absegnen ließ. Zuletzt rief er eine solche Loya Dschirga ein, als es um die Frage ging, ob Afghanistan ein Sicherheitsabkommen mit den USA für die Zeit nach dem Abzug der Nato-Kampftruppen Ende 2014 schließen soll. Der Stammesrat stimmte dafür, Karsai überließ es aber seinem Nachfolger, den fertig ausgehandelten Vertrag zu unterzeichnen.

 

Hamid Karsai, der das Land seit 2001 bis zu den Präsidentschaftswahlen Anfang 2014 regierte, tat dies zumeist am Parlament vorbei. Foto: dpa

Hamid Karsai, der das Land seit 2001 bis zu den Präsidentschaftswahlen Anfang 2014 regierte,
tat dies häufig am Parlament vorbei. Foto: dpa

 

Die Einbeziehung der Würdenträger zeugt einerseits von einem gewissen Realismus, was die Machtstrukturen in Afghanistan angeht. Doch diese werden so eben auch zementiert. Vor allem in den Provinzen. Dort haben nach wie vor Stammesälteste und ehemalige Kriegsherren das Sagen, die mafiös-kriminelle Netzwerke aufgebaut haben und die Drogenwirtschaft beherrschen. Viele unterhalten eigene Milizen. Junge, demokratisch gesinnte Afghanen, und unter diesen vor allem die Frauen, haben in solchen Strukturen eine schwache Position.

 

Sicherheitskräfte unter Druck

An Afghan policeman arrives at the site of an attack in Kabul

Jeden Monat sterben rund 400 afghanische Soldaten, Tendenz steigend. Foto: dpa

 

Die Präsidentschafts- und Regionalwahl in Afghanistan am 5. April 2014 waren der erste große Test für die afghanischen Sicherheitskräfte. Seit sie offiziell die Verantwortung für ihr Land von den Nato-Truppen übernommen haben, stehen sie unter großem Druck. Immer wieder gelingt es den Taliban und anderen Aufständischen, kleinere Provinzzentren zu erobern, die unter großen Verlusten zurückerobert werden müssen. Jeden Monat sterben rund 400 afghanische Soldaten, Tendenz steigend. Und dabei können die Afghanen derzeit im Notfall noch Unterstützung bei der Nato anfordern. Die Moral bei Armee und Polizeikräften ist entsprechend niedrig, die Zahl der Aussteiger hoch. Insgesamt, so schätzt der Afghanistanexperte Thomas Ruttig vom „Afghanistan Analysts Network“, müssen bei den rund 350.000 Mann starken Sicherheitskräften jedes Jahr rund ein Drittel der Einheiten ersetzt werden.

Die Taliban sind zudem dazu übergegangen, ihren Terror auch in die Städte zu tragen. Am 20. März 2014 gelang ihnen sogar ein Angriff auf das fast hermetisch abgeriegelte Hotel Serena in Kabul, in dem wohlhabende Afghanen und Diplomaten verkehren. Neun Menschen wurden dabei getötet. Kaum eine Woche später griff ein Selbstmordkommando ein Büro der Wahlkommission in Kabul an, wieder starben Menschen.

 

Generation Nato

„Wedding Hall“ - eine Hochzeitshalle wie viele jetzt in Kabul, an denen abends Leuchtreklamen in schrillen Farben erstrahlen. Foto: dpa

„Wedding Hall“ – eine Hochzeitshalle wie es jetzt viele gibt in Kabul,
an denen abends Leuchtreklamen in schrillen Farben erstrahlen. Foto: dpa

 

Wenn die Nato Ende 2014 ihren Kampfeinsatz in Afghanistan nach zwölf Jahren beendet, wird genau eine afghanische Schülergeneration die Schule durchlaufen haben. Das afghanische Bildungsministerium rechnet für 2014 mit einer halben Million Studienanfängern, 2013 waren es noch 320.000. Sie sind die ersten jungen Afghanen seit Jahrzehnten, die in relativer Stabilität aufgewachsen sind und die Bürgerkriege in ihrem Land allenfalls in ihrer frühen Kindheit erlebten. Man könnte sie Generation Nato nennen.

Zwar schafften es auch die internationalen Truppen nicht, das Land zu befrieden. Doch in den großen Städten hat sich immerhin so etwas wie ein Friedensalltag entwickelt. Besonders in Kabul, der Hauptstadt. Wo vor zehn Jahren noch heimkehrende Flüchtlinge unter einfachen Zeltplanen zwischen zerbombten Bauruinen hausten, entstehen jetzt große Wohnblöcke und Glaspaläste mit Einkaufszentren oder „Wedding Halls“, Hochzeitshallen, an denen abends Leuchtreklamen in schrillen Farben erstrahlen. Werbeplakate am Straßenrand preisen Mobilfunkanbieter an, Energiesparlampen und auch ein Freizeitbad. Fast wie in Europa.

 

Die Einschulungsraten steigen. Foto: dpa

Die Einschulungsraten steigen. Foto: dpa

Doch das ist nur die eine Seite der afghanischen Wirklichkeit. Die meisten Afghanen leben auch 13 Jahre nach dem Sturz der Taliban in bitterer Armut. Gleich hinter den Basarstraßen mit kleinen Läden und Garagenwerkstätten beginnen die Elendsquartiere, die sich bis in die Berge rund um die Stadt ausdehnen. Schuhkartonsiedlungen ohne feste Straßen und Kanalisation. In Kabul sieht man auch verdreckte Kinder mit verfilzten Haaren und Fetzen am Körper, die apathisch in Abwasserpfützen hocken oder auf dem Mittelstreifen der großen Straßen mit leerem Blick in Geländewagen mit den Kürzeln ausländischer Hilfsorganisationen starren, in der Hoffnung, ein bisschen Geld oder etwas zu Essen zu bekommen. Die meisten von ihnen haben wohl noch nie eine Schule von innen gesehen. Tatsächlich geht fast die Hälfte der afghanischen Kinder nach wie vor nicht zur Schule. Immerhin: Die Einschulungsraten steigen. Ulrike Scheffer