Ausrichtung und Struktur
der Bundeswehr:
Von der Landesverteidigung
zur globalen Krisenintervention

Was droht Deutschland? Welchen Gefahren ist das Land ausgesetzt? Wo lauern Risiken, Gefährdungen, Verletzlichkeiten für Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und die Menschen zwischen Garmisch und Flensburg? Ein konventioneller Krieg, das war die einhellige Meinung noch vor wenigen Jahren, hat, zumindest in Europa, auf absehbare Zeit als unwahrscheinlich zu gelten. Nicht der eine große Kampf gegen eine reguläre Armee eines anderen Staats, also gegen einen gut organisierten, modern bewaffneten Gegner, über einen langen Zeitraum und zum Zwecke der Landesverteidigung werde künftig die Regel sein, hieß es. Sondern, so die Erwartung, eine Vielzahl kleiner dimensionierter Auslandseinsätze in asymmetrischen Konflikten, denen gemein ist, dass es keine klaren Fronten gibt und der Gegner verdeckt mit leichter Bewaffnung aus der Mitte der Bevölkerung heraus operiert. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg war es, der unter dem Eindruck des Afghanistaneinsatzes mit der Heeresreform aus dieser Analyse die Lehren zog und die Bundeswehr auf den Wandel hin zu einer Interventionsarmee für den internationalen Einsatz einschwor.

 

Verteidigungsminister besucht Bundeswehr-Einsatzführungskommando

Verteidigungsminister zu Guttenberg war es, der unter dem Eindruck des Afghanistaneinsatzes die Bundeswehr auf den Wandel hin zu einer global einsetzbaren Interventionsarmee einschwor. Foto: dpa

 

Rhetorisch wird seither am Ansatz „Breite vor Tiefe“ festgehalten, demzufolge die Bundeswehr keine Fähigkeiten aufgibt, schließlich weiß man nicht, welche man für zukünftige Aufgaben brauche. Tatsächlich aber ist das neue Fähigkeitsprofil insoweit festgelegt, als nur das internationale Krisenmanagement „strukturbildend“, also bestimmend für Ausrüstung, Organisation und Training sein soll. Deutlich wird die daraus resultierende Ausrichtung vor allem an der neuen Struktur des Heeres.

Zwar findet sich in den aktuellen Verteidigungspolitischen Richtlinien aus dem Jahr 2011 noch die Landesverteidigung als erste und wichtigste Aufgabe der Truppe. Zugleich wird jedoch die Fähigkeit gefordert, leichte und hoch spezialisierte Truppen für Interventionseinsätze bereit zu stellen – und das mit einem drastisch gekürzten Verteidigungsbudget, in Zeiten einer nicht ausgestandenen Wirtschafts- und Finanzkrise und weitergehenden Sparauflagen. Die Konsequenz liegt auf der Hand. Die Bundeswehr muss sich konzentrieren. Denn sich für beides zu rüsten, Landesverteidigung im herkömmlichen Sinne und punktuelle Auslandseinsätze wie in den letzten Jahren üblich geworden – das würde Milliarden kosten, die nicht da sind. Die Landesverteidigung und die dafür erforderlichen, mit schwerem Gerät ausgerüsteten Divisionen werden also, weil zu teuer, nach und nach aufgegeben – zu Gunsten leichter, schnell verlegbarer Kräfte, die auf einen Gegner in asymmetrischen Konflikten ausgerichtet sind. Statt Panzerdivisionen und Haubitzen wie einst am Fulda Gap werden Fallschirmjäger und Hubschrauber bevorzugt, für das Kosovo, Afghanistan oder ein Krisenland in Afrika.

 

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Statt Panzerdivisionen und Haubitzen, wie zu Zeiten des kalten Krieges am Fulda Gap,
werden gegenwärtig Fallschirmjäger und Hubschrauber bevorzugt. Foto: dpa

 

Die neue Struktur des Heeres spiegelt diese Veränderungen deutlich wider. Kernfähigkeiten einer Armee, die für den Kampf gegen eine andere Armee konzipiert und ausgebildet ist, werden abgebaut. Fähigkeiten, die gebraucht werden, um gegen leicht bewaffnete Freischärler und Aufständische vorzugehen, werden ausgebaut.

Das neue Heer wird aus drei Divisionen bestehen: Zwei mechanisierte Divisionen, die in Aufbau und Ausstattung nahezu identisch sein werden, und eine Division schnelle Kräfte, welche die Luftlande- und Lufttransporteinheiten sowie die Spezialkräfte des Heeres zusammenfasst. Die drei Divisionen ihrerseits bestehen aus jeweils drei Brigaden. Bisher gab es mehrere Brigadetypen, die wie die Figuren eines Schachspieles über verschiedene Eigenschaften und Ausrüstung verfügten. Um ein Einsatzkontingent aufstellen zu können, mussten die benötigten Fähigkeiten und Soldaten oft aus den verschiedensten Bereichen der Bundeswehr zusammengesucht werden. Das neue Konzept sieht Einheitsbrigaden vor, die weitgehend gleich strukturiert und ausgestattet sein werden, jeweils mit dem Schwerpunkt auf dem Kämpfer zu Fuß. Modularität ist das Zauberwort. Modularität soll jede Brigade in die Lage versetzen, aus sich heraus alle Kräfte und alles Material für einen Einsatz zu stellen.

Zu diesem Zweck wird künftig in jedem Brigadestab ein OMLT-Element (organisation-mentoring and liasion-team) aufgestellt. Dessen gut 120 Soldaten stehen dann permanent bereit, um in Krisenregionen Militär auszubilden und zu beraten. So wie es derzeit in Afghanistan und in einigen Staaten Afrikas praktiziert wird. Darüber hinaus werden in den Divisionsstäben noch rund 180 Dienstposten geschaffen, welche von Soldaten besetzt werden, die kurzfristig in multinationale Einsatzstäbe oder Beobachtermissionen entsandt werden können.

Feldjäger regeln nicht mehr den Verkehr –
sie sind einsatzspezifisch qualifizierte Spezialkräfte

Das Zentrum der neuen Struktur bilden die Infanteriebataillone, da diese für die angenommenen asymmetrischen Konflikte besonders geeignet sind. Ergänzt durch eine, im Verhältnis zur Gesamtstärke der Landstreitkräfte, relativ hohe Anzahl an Feldjägern: Die Militärpolizei ist erheblich aufgewertet worden. Auch hier tritt der Einsatzbezug und die Orientierung am Beispiel Afghanistan offen zutage. Die Zeiten, als die Feldjäger den militärischen Verkehr regelten und fahnenflüchtige Wehrpflichtige einfingen, sind lange vorüber. Heute sind sie spezialisiert für den Objektschutz, begleiten als Bodyguards im Einsatz Politiker und Generale, bilden aus, führen einsatzspezifische Ermittlungen und haben besondere Kräfte zur Reaktion auf Unruhen und Demonstrationen im Einsatzland. Allen gemeinsam ist die Luftverladefähigkeit und flexible Verlegbarkeit.

Die Neuausrichtung des Heeres und der Bundeswehr hat konsequent die Erfahrungen des Afghanistaneinsatzes aufgenommen und nach dem Grundsatz „Vom Einsatz her denken“ in die Struktur der Truppe eingepflanzt. In dieser neuen Struktur sollte es tatsächlich einfacher sein, einen Einsatz wie in Afghanistan zu führen und auszurüsten. Dass dies erst jetzt, zum Ende des Kampfeinsatzes am Hindukusch, geschieht, hat mit Beharrungskräften zum Beispiel im Heer zu tun, die sich lange nicht vom Kriegs- und Einsatzbild der Panzerschlacht in der Lüneburger Heide lösen wollten. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass gerade diese vermeintlich nostalgisch am Kalten Krieg hängenden Kräfte am Ende Recht behalten. Wenn nämlich die Fähigkeit, auf Konflikte anderer Art zu reagieren, verloren gehen sollte. Der Ukrainekonflikt hat drastisch vor Augen geführt, wie plötzlich eine Krise auch mitten in Europa entstehen kann, die zuvor als vollkommen unwahrscheinlich angesehen wurde. Die Frage steht mit einem mal wieder im Raum, bislang unbeantwortet, wie militärische Abschreckung aussehen, wie sie über die verstärkte Routine von „air policing“ und Awacs-Flügen in Osteuropa hinausgehen kann, wenn Russland plötzlich nicht mehr Partner, sondern Gegner ist. Michael Schmidt

 

Ostukraine Pro-russische Seperatisten

Ist der Westen darauf vorbereitet, dass Russland vom Partner zum Gegner wird?
Was tun, wenn wie hier russische Panzer von prorussischen Separatisten in der Ukraine eingesetzt werden? Foto: dpa