Ausgezeichnet –
Neue Orden für die Truppe

Die Bundeswehr hat sich verändert: Von einer Verteidigungstruppe zur Kriegsarmee – und jetzt verlangt es viele Bundeswehrangehörige nach mehr Anerkennung für ihr gefährlicher gewordenes Tun. Deshalb sind in den vergangenen Jahren unter dem Eindruck des Afghanistan-Einsatzes neue Orden und Medaillen gestiftet worden. Die einen freut’s, andere fühlen sich dabei unangenehm erinnert an unheilvolle Wehrmachtszeiten und den Schrecken der Nazidiktatur.

Im Juli 2009 wurden erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs deutsche Soldaten mit einem Tapferkeitsorden ausgezeichnet. Um 13 Uhr 30 verliehen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Verteidigungsminister Franz Josef Jung (beide CDU) im Kanzleramt vier Bundeswehrsoldaten das neugeschaffene „Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit“.

 

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der erstmaligen  Verleihung des Ehrenkreuzes für Tapferkeit. Oberfeldwebel Markus Geist  und drei weitere Soldaten wurden mit der neuen Auszeichnung für ihr Verhalten nach einem Selbstmordattentat in Afghanistan ausgezeichnet. Foto: Tim Brakemeier/dpa

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der erstmaligen Verleihung des Ehrenkreuzes für Tapferkeit. Oberfeldwebel Markus Geist und drei weitere Soldaten wurden für ihr Verhalten nach einem Selbstmordattentat in Afghanistan ausgezeichnet. Foto: dpa

 

Bisher gab es vier Stufen des Ehrenzeichens, gestiftet 1980 vom damaligen Verteidigungsminister Hans Apel (SPD) „für treue Pflichterfüllung und überdurchschnittliche Leistungen“: Die Ehrenmedaille, das Ehrenkreuz in Bronze, in Silber und in Gold. Diese Orden werden in der Regel nach einer bestimmten Dienstzeit vergeben. Die Ehrenmedaille gibt es frühestens nach sieben Monaten Dienstzeit. Das Ehrenkreuz in Bronze, Silber und Gold wird nach jeweils fünf, zehn oder 20 Jahren Dienstzeit verliehen. Insgesamt wurden die vier Ehrenzeichen seit ihrer Einführung 215.000 Mal verliehen, an etwa jeden dreißigsten aktiven Soldaten – wobei ihnen bisher nicht anzusehen ist, ob sie am Schreibtisch in der Kaserne oder beim Einsatz im Feld verdient wurden. Eben das störte die nunmehr kämpfende Truppe.

Das neu geschaffene Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit. Foto: dpa

Das neu geschaffene Ehrenkreuz für Tapferkeit. Foto: dpa

Und eben das hat sich mit dem neuen Orden geändert. Minister Jung hat die Medaille angeregt, um Soldaten, deren Einsatz sich durch den Wandel der Bundeswehr zur weltweit aktiven Interventionsarmee erheblich geändert hat, im Rahmen einer eindeutig militärischen Mission für „weit über das normale Maß“ hinausgehende Tapferkeit zu ehren. Auszeichnungswürdig sei zum Beispiel „angstüberwindendes und mutiges Verhalten bei außergewöhnlicher Gefährdung für Leib und Leben mit Standfestigkeit und Geduld, um den militärischen Auftrag zu erfüllen“. Als Erstes wurden Soldaten geehrt, die ihre Kameraden nach einem Selbstmordanschlag nahe Kundus gerettet hatten. Dieser Orden (in Gold und roter Umrandung) verfügt außerdem über ein Eichenlaub, das an der Bandschnalle zu tragen ist.

Was mit der Tapferkeitsmedaille begann, setzte sich mit der Gefechtsmedaille fort: Ende November 2010 zeichnete Jungs Nachfolger, Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt über noch rund 250.000 Soldaten, Männer aus, die im Gefecht „mit außergewöhnlichen Mut und unter Inkaufnahme höchster Risiken für ihr Leben herausragend tapfer gehandelt haben“. Vier aktive Soldaten und posthum zwei Gefallene wurden von Guttenberg mit dem „Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit“ und der „Einsatzmedaille der Bundeswehr Gefecht“ ausgezeichnet. Die neu geschaffene Gefechtsmedaille bekamen zudem die Angehörigen neun weiterer am Hindukusch getöteter Soldaten überreicht.

Die neu geschaffene Einsatzmedaille der Bundeswehr, Gefecht. Foto: dpa

Die neu geschaffene Einsatzmedaille der Bundeswehr, Gefecht. Foto: dpa

Mit der Einsatzmedaille Gefecht erfüllte Guttenberg der Truppe einen alten Wunsch. Seit deutsche Soldaten in Afghanistan permanent vom Tod bedroht sind, dort kämpfen und sterben, wurde die Forderung nach einem Einsatzorden lauter – vor allem von den Fallschirmjägern, Gebirgsjägern und Panzergrenadieren, die als Infanteriezüge in heftige Feuergefechte verwickelt werden. Verteidigungsminister Jung, der nie von Krieg sprach, kam der Bitte nicht nach. In seine Amtszeit fiel aber der Bau des Ehrenmals, mit dem aller gestorbenen Bundeswehrangehörigen gedacht wird – auch derer, die bei Unfällen oder im Manöver ums Leben kamen.

Eine Gefechtsmedaille hat es in Deutschland seit 1945 nicht mehr gegeben. Das Eiserne Kreuz, das im Ersten und Zweiten Weltkrieg für sogenannte Frontkämpfer verliehen wurde, missbrauchten die Nationalsozialisten für ihre Propaganda. Im demokratischen Westdeutschland hielten sich Verteidigungspolitiker und Militärs mit Orden deshalb lange Zeit zurück.

Man kann daran eine neue Etappe der schleichenden Militarisierung der Außenpolitik der Bundesrepublik erkennenDetlef Bald, Sozialwissenschaftler

Am deutlichsten formulierte die Kritik an dem Orden ein ehemaliger Bundeswehrangestellter: „Mit der Gefechtsmedaille werden in der Tat das kriegerische Element und der alte Kriegerkult im Militär hofiert – und das ist zu bedauern“, sagte Detlef Bald, ehemaliger Direktor für Militär und Gesellschaft am Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr, in der Tagesschau . „Man kann daran eine neue Etappe der schleichenden Militarisierung der Außenpolitik der Bundesrepublik erkennen.“

Den Wunsch der Soldaten nach einer besonderen Auszeichnung für verwundete Soldaten lehnte das Bundespräsidialamt ab – auch weil das der dritte neue Orden für die Bundeswehr innerhalb von zwei Jahren gewesen wäre. Michael Schmidt