Ausbildung – Geübt wird praktisch
nur noch afghanistanspezifisch

„Vom Einsatz her denken“ – nicht nur die neue Struktur der Bundeswehr folgt diesem Paradigma. Auch in der Ausbildung der Soldaten hat dieser Satz mittlerweile alle anderen Leitsätze verdrängt. Vom Einsatz her denken heißt in diesem Fall: den Einsatz in Afghanistan zum Maßstab der Ausbildung machen.

 

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Der Haupteingang zur General-Olbricht-Kaserne mit Sitz des Ausbildungskommando Heer.
Vom Einsatz her ausbilden, heißt Afghanistan zum Maßstab der Ausbildung machen. Foto: dpa

 

Dabei wurde die Ausbildung in der Bundeswehr immer schon vom Einsatz her gedacht – nur war vor Afghanistan der potenzielle Feind ein anderer, nämlich die Panzerarmeen des Warschauer Paktes. Auch vor 1989 wurde viel Mühe darauf verwandt, die Ausbildung möglichst praxisnah und realistisch zu gestalten. Aus den Erfahrungen der deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg wurden Grundsätze für den allgemeinen Gefechtsdienst abgeleitet und in einem Handbuch anschaulich erklärt. Diese Handreichung: „Kriegsnah Ausbilden, Hilfen für den Gefechtsdienst aller Truppen“ (hier als pdf), eine Art inoffizieller Leitfaden, wurde vor einigen Jahren jedoch verboten, weil es mit Beispielen und Erfahrungen der Wehrmacht arbeitete („Russland 1942 – Winterkampf“; „Panzer auf Sicherung – Normandie 1944“; „Vorsicht – Sicherungsminensperre, Ardennen 1944“).

Ein neues Handbuch für Ausbilder, erarbeitet von der Infanterieschule in Hammelburg, steht vor der Einführung: „Einsatznah Ausbilden, Hilfen für den Gefechtsdienst aller Truppen“ (hier als pdf). Darin gibt es keine Ausbildungshinweise mehr zum Tarnen, dem Anlegen einer Minengasse oder zur Fliegerabwehr. Die neuen Ausbildungsbeispiele thematisieren vielmehr das Durchstoßen eines Hinterhalts, das Finden von Sprengfallen und die Einrichtung eines Checkpoints – alles Beispiele aus der Einsatzpraxis am Hindukusch („Friendly Fire“, „Zerschlagen einer Zelle irregulärer Kräfte“, „Militärischer Wiederaufbau“). Die Panzerabwehr wird mit Bezug auf die Erfahrungen der Freischärler aus dem Tschetschenienkonflikt behandelt – mit anderen Worten: Selbst wenn es einmal nicht um Afghanistan geht, wird doch von sehr ähnlichen Lagebildern ausgegangen.

Das neue Schießkonzept

Die Gefahr einer zu einseitigen Ausbildung ist groß. Geübt wird praktisch nur afghanistanspezifisch. Die Lagebilder in Stabsrahmenübungen und der Grundausbildung gehen heute fast durchgehend von asymmetrischen Konstellationen aus, mit Aufständischen in failing states, die auf eigene Rechnung unterwegs sind. Das heißt, die Gegner sind fast ausnahmslos schlecht ausgebildete Aufständische oder leicht bewaffnete Terroristen. Viele Einsatzverfahren, die in einem asymmetrischen Konflikt sinnvoll und erfolgreich sind, können sich aber in das Gegenteil verkehren, wenn es gegen einen gut organisierten und mit schweren Waffen ausgerüsteten Gegner geht.

Vor einigen Jahren wurde ein neues Schieß- und Ausbildungskonzept konzipiert, das heute die Grundlage der Ausbildung jedes Soldaten darstellt, schon in der Grund-, aber auch später in der Spezial- und Vollausbildung. Auch darin hat man zuallererst Erfahrungen aus Afghanistan aufgenommen und in neue Ausbildungsinhalte umgesetzt. Bis ins Jahr 2000, sagt der Militärhistoriker Erwin Starke, „haben wir über 200 Jahre im Prinzip die gleiche Schießausbildung im Deutschen Heer gehabt: der Einzelschuss, der gezielte Einzelschuss – und jetzt gibt es das neue Konzept.“ Ein Konzept, das man eher von Sondereinsatzkommandos der Polizei kenne, sagt der Major der Reserve, der an diversen Truppenwehrübungen bei den Fallschirmjägerbataillonen 313, 373 (Seedorf) und 263 (Zweibrücken) teilgenommen hat. Was ist das Neue daran? Die Afghanistanorientierung. So wird die überwiegende Mehrzahl aller Feuergefechte in Afghanistan in der Nahdistanz, unter 50 Metern, geführt. Also gibt man jedem Soldaten zusätzlich zum Gewehr (wie bisher) noch eine Pistole (neu) und bildet nun das Nahbereichsschießen unter ständigem Wechsel der Waffe aus. Diese Methode erfordert einen sehr hohen Munitionseinsatz, sehr viel Körperbeherrschung und Training.

 

 

Ein Rekrut der Bundeswehr wird von zwei Ausbildern an der Pistole ausgebildet. Foto: dpa

Ein Rekrut der Bundeswehr wird von zwei Ausbildern an der Pistole ausgebildet. Foto: dpa

 

Seit den 20er und bis in die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts galt der Grundsatz, dass jeder Soldat in seiner Grundausbildung an den verwendeten Standardhandwaffen auszubilden sei. Heute lernt der Rekrut die Panzerfaust und das MG erst vergleichsweise spät kennen: Sie werden ihm gezeigt – wirklich beherrschen tut er sie auch dann noch nicht. Mit der Folge, dass alles, was über Pistole und Gewehr hinausgeht, in eine Spezialausbildung verlagert wird und sich dadurch schon auf unterster Ebene ein Spezialistentum herausbildet, was in Krisensituationen zu erheblichen Gefahren und Komplikationen führen kann.

Hammelburg: Die Infanterieschule der Bundeswehr

Nicht in Deckung gehen, sondern sich dem Gegner zuwenden und den Beschuss erwidern – so sieht es die neue Ausbildungsvorschrift vor. Foto: dpa

Mit dieser Vorstellung im Kopf wird dem Soldaten für den Feuerkampf beigebracht: Nicht mehr, wie früher, sofort in Deckung gehen, zum Beispiel in einen Graben springen, wenn er beschossen wird, dann die Lage klären und gucken, wo der Feind steht und was am besten zu tun ist. Sondern heute heißt es: sehr schnell reagieren, sich frontal zum gegnerischen Schützen hindrehen, hinknien und sehr schnell das Feuer erwidern. Im Wissen um die nur leichte Bewaffnung des Gegners. Und im Vertrauen auf die eigene schusssichere Körperpanzerung aus Weste und Helm, die der Infanterist – selbst mit 30 bis 40 Kilo Ausrüstung am Körper eine Art kleiner Panzer – heute trägt. Das ist, wie Historiker Starke feststellt, etwas ganz anderes als über Jahrhunderte vorher gemacht wurde – und habe eben seinen Hintergrund allein in den Erfahrungen der Bundeswehr am Hindukusch.

Was jedoch im Falle der Taliban mit ihren Kalaschnikows ein probates Mittel sein kann, würde sich bei einem Gegner, der über schwere Waffen oder Handgranaten verfügt, zu einem Horrorszenario entwickeln. Was tun, wenn der Gegner kein Afghane ist, der ungezielt ein paar Schuss in die Gegend abgibt, sondern ein ernstzunehmender, gut ausgebildeter Soldat ganze Maschinengewehrsalven abfeuert? Arme, Beine, Gesicht sind einem Gegner schutzlos preisgegeben – wenn dessen Feuerkraft groß ist, sind die Folgen verheerend: Auf eine solche Situation angewandt, wäre die Anwendung dieses Schießkonzepts lebensgefährlich. Nur: Etwas anderes, als Szenarien aus asymmetrischen Kriegen mit einem nur leicht bewaffneten Gegner haben die Soldaten von der Ausbildung her gar nicht mehr im Kopf.

 

Die Regel

Die Regel

Waffenreinigung gehört nach wie vor dazu: Wehrpflichtige zerlegen Gewehre in ihre Einzelteile, reinigen sie und setzen sie wieder zusammen. Foto: dpa

Die Ausnahme

Die Ausnahme

Soldaten trainieren bei der MG3 Drillausbildung - mit schweren Waffen haben die Auszubildenden nur noch wenig zu tun: Foto: dpa

 

Ein Stabsfeldwebel und erfahrener Ausbilder an der Infanterieschule in Hammelburg, der selbst mehrfach in Afghanistan war, bemängelt in diesem Zusammenhang die Zunahme von Ausbildungsinhalten, ohne die nötige Zeit zu einer in die Tiefe gehenden Ausbildung zu erhalten: „Die Soldaten werden vielfach nur noch bei den Ohren genommen und überall einmal dran geschlagen: das ist ein Spähtrupp, das ist ein MG, das ist ein Feldposten, das ist ein Panzer…“Dabei handelt es sich nicht um eine Einzelmeinung. Mittlerweile hinterfragen viele erfahrene Ausbilder und deren Dienststellenleiter das Afghanistanparadigma und warnen davor, dies als allgemeinverbindlich der Ausbildung zugrunde zu legen.

Dennoch vertieft und verstetigt sich die Konzentration der Ausbildung auf Afghanistan und Afghanistan-ähnliche Szenarien noch. Der allgemeine Gefechtsdienst, Stellungsbau, Tarnung, Panzerabwehr, Spähtrupp laufen und anderes geraten dabei tendenziell aus dem Blick. Ausbildungsinhalte wie Aufbau und Betrieb eines Checkpoints, Durchsuchen eines KFZ, Sprengfallenabwehr, Patrouillefahren, Gesprächsaufklärung und Riot-Control bei Unruhen stehen dagegen im Mittelpunkt.

Das alte Ausbildungshandbuch mit den Weltkriegsbeispielen wurde aus dem Verkehr gezogen, das neue ist noch nicht an die Truppe ausgegeben worden. Das heißt: In der Praxis regiert die Improvisation durch den einzeknen Ausbilder mit seinen je eigenen Erfahrungen. So wird die einseitige Ausrichtung noch verstärkt durch den Umstand, dass viele Ausbilder ihrerseits im Afghanistaneinsatz waren und ein stark durch ihre Praxis-Erfahrungen am Hindukusch geprägtes Bild im Kopf haben und weitergeben: „Vielfach verwechseln die Kameraden dann Erlebnisse mit Erfahrungen“, sagt der Stabsfeldwebel. Doch in einem anderen Szenario als der Aufstandsbekämpfung würden diese Erfahrungen nichts mehr gelten. Die auf asymmetrische Konflikte zugeschnittene Ausbildung würde fatale Folgen zeitigen. Für einen solchen Konflikt müsste die Bundeswehr die alten Grundsätze des Gefechtsdienstes neu lernen: Dann hieße es wieder, bei Beschuss zuerst in Deckung gehen und dann das Feuer erwidern. Michael Schmidt

 

Zwei Wehrpflichtige in der Grundausbildung des PzGrenLehrBtl 92 (Panzergrenadierlehrbataillon) gehen am Dienstag (14.09.2010) bei Dunkelheit auf dem Truppenübungsplatz bei Munster Streife. Die jetzt noch sechs Monate dauernde Wehrpflicht soll zum 1. Juli 2011 ausgesetzt werden. Sie bleibt aber im Grundgesetz verankert und kann jederzeit mit einem einfachen Gesetz wieder eingeführt werden, wenn es die Sicherheitslage erfordert. Foto: Peter Steffen dpa/lni

Zwei Wehrpflichtige in der Grundausbildung gehen bei Dunkelheit Streife. Foto: dpa