Rache – Die Helfer fürchten sich

Immer donnerstags gibt das Berliner Innenministerium neue Zahlen zur Aufnahme afghanischer Ortskräfte in Deutschland heraus. Ortskräfte sind Afghanen, die in ihrem Heimatland für die Bundeswehr arbeiten, das Auswärtige Amt oder auch für das deutsche Innenministerium, das am Aufbau der afghanischen Polizei beteiligt ist. Oft sind es Männer, die als Flüchtlinge zeitweise in einem deutschsprachigen Land lebten und nach ihrer Rückkehr für die Deutschen als Übersetzer tätig waren. Aber auch Handwerker, Kantinenpersonal oder Reinigungskräfte sind darunter. Insgesamt sind derzeit noch gut 750 afghanische Ortskräfte in deutschen Diensten, zu Hochzeiten waren es einmal 1400. Sie alle wurden aufgerufen, sich zu melden, wenn sie von eigenen Landsleuten bedroht werden oder befürchten, nach dem Abzug der Bundeswehr Opfer von Racheakten zu werden. Denn die Taliban und andere Aufständische betrachten jeden, der mit den ausländischen Truppen in Afghanistan kooperiert als Verräter und haben immer wieder Todesdrohungen ausgesprochen.

In Kundus, wo die Bundeswehr im vergangenen Herbst schon abgezogen ist, wurde bereits ein ehemaliger Bundeswehr-Übersetzer umgebracht. Andere berichten von Fremden, die nachts an ihre Türen klopfen und Drohungen aussprechen oder tagsüber erscheinen, um ihre Frauen in Angst und Schrecken zu versetzen. Manche trauen nicht einmal mehr ihrer eigenen Verwandtschaft. Dabei spielt oft auch Neid auf das verhältnismäßig gute Einkommen der Übersetzer eine Rolle. Mit rund 600 bis 800 US-Dollar verdienen sie bei der Bundeswehr deutlich mehr als ein Lehrer. Doch wer mit den ausländischen Soldaten im Land unterwegs ist, riskiert auch viel. Sprengfallen, Selbstmordanschläge, Gefechte. Wo die Nato-Truppen angegriffen werden, sind auch ihre Übersetzer meist mitten drin.

 

 

Wer mit deutschen Soldaten im Land unterwegs ist, riskiert viel. Deswegen war die Bezahlung gut. Das weckt den Neid der anderen. Foto: dpa

Wer mit deutschen Soldaten unterwegs ist, riskiert viel. Deswegen war die Bezahlung gut. Das weckt den Neid der anderen. Foto: dpa

 

Insgesamt 1123 afghanische Ortskräfte haben daher bisher eine sogenannte Gefährdungsanzeige bei der Bundeswehr oder einem der anderen deutschen Arbeitgeber in Afghanistan gestellt. Sie wurden interviewt – ihre Angaben so weit wie möglich geprüft – und dann in Gefährdungskategorien eingeteilt. Mitarbeiter der Kategorie 1 gelten als akut bedroht. Kategorie 2 umfasst vor allem Übersetzer oder Wachleute, bei denen eine Gefährdung nicht ausgeschlossen werden kann. Unter Kategorie 3 fallen Afghanen bei denen die Bedrohung aus Sicht der Prüfer eher abstrakter Natur ist. Gefährdete Mitarbeiter der Kategorien 1 und 2 können ein Visum für Deutschland beantragen. Letztlich gilt das bisher für rund ein Drittel (469) der Afghanen, die sich selbst bedroht sehen. 224 von ihnen haben Afghanistan bereits verlassen und leben nun mit ihren insgesamt 490 Familienmitgliedern in Deutschland. Ulrike Scheffer