Wohin treibt Afghanistan?

Seit 2001 führt der Westen einen Krieg in Afghanistan, an dem die Bundeswehr als drittgrößter Truppensteller maßgeblich beteiligt ist. Die Mission: Stabilität und Demokratie schaffen und den Wiederaufbau unterstützen. Doch die Sicherheits­lage ist und bleibt katastrophal, immer wieder gibt es Tote und Verletzte, es fehlt dem Land an politischer Stabilität, und das Wirtschaftswachstum lässt zu wünschen übrig. 13 Jahre danach: Wie steht das Land da, welche Ziele wurden erreicht, welche verfehlt – und was Afghanistan hoffen, was muss es fürchten?

 

Zwischen der Hoffnung auf Frieden...

Zwischen der Hoffnung auf Frieden...

... und ein normales, angstfreies und ruhiges Leben wie hier im nordafghanischen Masar-i-Sharif. Foto: mis

... und immer neuen Anschlägen

... und immer neuen Anschlägen

... wie hier im Juli, im heiligen Fastenmonat Ramadan, als in der Provinz Paktika 40 Menschen ums Leben kommen. Foto: dpa

Ungelebte Demokratie

Afghanistan hat heute ein Parlament, Wahlen und eine Verfassung, in der allen Bürgern zumindest theoretisch grundlegende Menschenrechte garantiert werden. Doch kann man kaum sagen, dass die neuen demokratischen Institutionen auch gelebt werden. Im Parlament wird zwar mitunter heftig debattiert, bei wichtigen Entscheidungen blieb es in den Jahren unter Präsident Hamid Karsai aber oft außen vor, weil sich dieser seine Politik lieber von Ratsversammlungen traditioneller Würdenträger absegnen ließ. Zuletzt rief er eine solche Loya Dschirga ein, als es um die Frage ging, ob Afghanistan ein Sicherheitsabkommen mit den USA für die Zeit nach dem Abzug der Nato-Kampftruppen Ende 2014 schließen soll. Der Stammesrat stimmte dafür, Karsai überließ es aber seinem Nachfolger, den fertig ausgehandelten Vertrag zu unterzeichnen.

 

Hamid Karsai, der das Land seit 2001 bis zu den Präsidentschaftswahlen Anfang 2014 regierte, tat dies zumeist am Parlament vorbei. Foto: dpa

Hamid Karsai, der das Land seit 2001 bis zu den Präsidentschaftswahlen Anfang 2014 regierte,
tat dies häufig am Parlament vorbei. Foto: dpa

 

Die Einbeziehung der Würdenträger zeugt einerseits von einem gewissen Realismus, was die Machtstrukturen in Afghanistan angeht. Doch diese werden so eben auch zementiert. Vor allem in den Provinzen. Dort haben nach wie vor Stammesälteste und ehemalige Kriegsherren das Sagen, die mafiös-kriminelle Netzwerke aufgebaut haben und die Drogenwirtschaft beherrschen. Viele unterhalten eigene Milizen. Junge, demokratisch gesinnte Afghanen, und unter diesen vor allem die Frauen, haben in solchen Strukturen eine schwache Position.

 

Sicherheitskräfte unter Druck

An Afghan policeman arrives at the site of an attack in Kabul

Jeden Monat sterben rund 400 afghanische Soldaten, Tendenz steigend. Foto: dpa

 

Die Präsidentschafts- und Regionalwahl in Afghanistan am 5. April 2014 waren der erste große Test für die afghanischen Sicherheitskräfte. Seit sie offiziell die Verantwortung für ihr Land von den Nato-Truppen übernommen haben, stehen sie unter großem Druck. Immer wieder gelingt es den Taliban und anderen Aufständischen, kleinere Provinzzentren zu erobern, die unter großen Verlusten zurückerobert werden müssen. Jeden Monat sterben rund 400 afghanische Soldaten, Tendenz steigend. Und dabei können die Afghanen derzeit im Notfall noch Unterstützung bei der Nato anfordern. Die Moral bei Armee und Polizeikräften ist entsprechend niedrig, die Zahl der Aussteiger hoch. Insgesamt, so schätzt der Afghanistanexperte Thomas Ruttig vom „Afghanistan Analysts Network“, müssen bei den rund 350.000 Mann starken Sicherheitskräften jedes Jahr rund ein Drittel der Einheiten ersetzt werden.

Die Taliban sind zudem dazu übergegangen, ihren Terror auch in die Städte zu tragen. Am 20. März 2014 gelang ihnen sogar ein Angriff auf das fast hermetisch abgeriegelte Hotel Serena in Kabul, in dem wohlhabende Afghanen und Diplomaten verkehren. Neun Menschen wurden dabei getötet. Kaum eine Woche später griff ein Selbstmordkommando ein Büro der Wahlkommission in Kabul an, wieder starben Menschen.

 

Generation Nato

„Wedding Hall“ - eine Hochzeitshalle wie viele jetzt in Kabul, an denen abends Leuchtreklamen in schrillen Farben erstrahlen. Foto: dpa

„Wedding Hall“ – eine Hochzeitshalle wie es jetzt viele gibt in Kabul,
an denen abends Leuchtreklamen in schrillen Farben erstrahlen. Foto: dpa

 

Wenn die Nato Ende 2014 ihren Kampfeinsatz in Afghanistan nach zwölf Jahren beendet, wird genau eine afghanische Schülergeneration die Schule durchlaufen haben. Das afghanische Bildungsministerium rechnet für 2014 mit einer halben Million Studienanfängern, 2013 waren es noch 320.000. Sie sind die ersten jungen Afghanen seit Jahrzehnten, die in relativer Stabilität aufgewachsen sind und die Bürgerkriege in ihrem Land allenfalls in ihrer frühen Kindheit erlebten. Man könnte sie Generation Nato nennen.

Zwar schafften es auch die internationalen Truppen nicht, das Land zu befrieden. Doch in den großen Städten hat sich immerhin so etwas wie ein Friedensalltag entwickelt. Besonders in Kabul, der Hauptstadt. Wo vor zehn Jahren noch heimkehrende Flüchtlinge unter einfachen Zeltplanen zwischen zerbombten Bauruinen hausten, entstehen jetzt große Wohnblöcke und Glaspaläste mit Einkaufszentren oder „Wedding Halls“, Hochzeitshallen, an denen abends Leuchtreklamen in schrillen Farben erstrahlen. Werbeplakate am Straßenrand preisen Mobilfunkanbieter an, Energiesparlampen und auch ein Freizeitbad. Fast wie in Europa.

 

Die Einschulungsraten steigen. Foto: dpa

Die Einschulungsraten steigen. Foto: dpa

Doch das ist nur die eine Seite der afghanischen Wirklichkeit. Die meisten Afghanen leben auch 13 Jahre nach dem Sturz der Taliban in bitterer Armut. Gleich hinter den Basarstraßen mit kleinen Läden und Garagenwerkstätten beginnen die Elendsquartiere, die sich bis in die Berge rund um die Stadt ausdehnen. Schuhkartonsiedlungen ohne feste Straßen und Kanalisation. In Kabul sieht man auch verdreckte Kinder mit verfilzten Haaren und Fetzen am Körper, die apathisch in Abwasserpfützen hocken oder auf dem Mittelstreifen der großen Straßen mit leerem Blick in Geländewagen mit den Kürzeln ausländischer Hilfsorganisationen starren, in der Hoffnung, ein bisschen Geld oder etwas zu Essen zu bekommen. Die meisten von ihnen haben wohl noch nie eine Schule von innen gesehen. Tatsächlich geht fast die Hälfte der afghanischen Kinder nach wie vor nicht zur Schule. Immerhin: Die Einschulungsraten steigen. Ulrike Scheffer