Braucht die Bundeswehr
einen Veteranentag?

Gefallene? Krieg? Veteranen? Die Einsatzrealität der Bundeswehr hat schleichend Einzug in den offiziellen Sprachgebrauch gehalten. Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) sprach erst im Oktober 2008 von gefallenen und verwundeten Soldaten. Da hatte die deutsche Afghanistan-Truppe längst zahlreiche Verluste zu beklagen. Sein Nachfolger Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) machte aus dem Stabilisierungseinsatz zunächst „kriegsähnliche Zustände“ und dann „Krieg“. Und im September 2011 wurde auch der Begriff Veteranen für politisch korrekt erklärt. „Wir sind eine Armee im Einsatz. Wie andere Nationen auch sollten wir deshalb auch von unseren Veteranen sprechen“, sagte Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) damals im Bundestag.
Sprachlich ist Deutschland damit auf demselben Stand wie andere Länder mit Armeen im Einsatz. Trotzdem gilt der Umgang mit den Kriegsrealitäten in Deutschland aus historischen Gründen immer noch als schwierig. Bei der Bereicherung des offiziellen Wortschatzes wollte es de Maizière daher nicht belassen. Er wollte einen Veteranentag schaffen.

 

Großer Auflauf

Großer Auflauf

In den USA heißt der 11. November offiziell Veteranentag. Die zentrale Festveranstaltung findet auf dem Soldatenfriedhof in Arlington bei Washington mit Kranzniederlegungen und einer Parade statt. Foto: dpa

Große Politik

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Auch US-Präsident Barack Obama ehrt am 11. November seine Soldaten. 2011 legte er einen Kranz nieder und rief alle dazu auf, jobsuchende Kriegsheimkehrer nicht im Regen stehen zu lassen. Foto: dpa

Große Gefühle

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Mancher Angehörige eines gefallenen Soldaten trauert lieber für sich allein. Kathy Sheehy weint am Grabstein ihres Sohnes US Navy Lieutenant Matthew Klopfer. Foto: dpa

 

Dass de Maiziere das während einer viertägigen Reise durch die USA verkündete, ist kein Zufall. Die Amerikaner haben die wohl umfassendste und teuerste Veteranen-Versorgung der Welt. Das US-Veteranen-Ministerium gab 2010 rund 108 Milliarden US-Dollar für Pensionen, Entschädigungen, medizinische Versorgung oder Bildungsmaßnahmen aus. Allerdings sind die US-Streitkräfte auch siebenmal so groß wie die Bundeswehr. Alleine in den Kriegen in Afghanistan und im Irak hatten sie 6300 gefallene und 47.000 verwundete Soldaten zu beklagen. Zum Vergleich: Die Bundeswehr hat in Afghanistan 52 Soldaten verloren.
Doch wer würde überhaupt als Veteran gelten dürfen? Die USA zählen jeden ehemaligen Soldaten dazu. Das sind 22,7 Millionen US-Bürger – etwa sieben Prozent der Gesamtbevölkerung. In skandinavischen Ländern werden diejenigen Soldaten als Veteranen angesehen, die schon einmal im Einsatz waren. So sieht das auch der 2010 gegründete Bund Deutscher Veteranen. Wie viele deutsche Soldaten Einsatzerfahrung haben, ist unklar. Das Einsatzführungskommando der Bundeswehr hat zwar rund 300.000 Auslandseinsätze von Soldaten erfasst. Viele Soldaten waren aber mehrfach auf dem Balkan oder in Afghanistan. Die Opposition schlug vor, aller am Einsatz Beteiligten zu gedenken, also auch der zivilen Helfer, Angehöriger anderer Behörden, Polizisten etc.

 

Am Volkstrauertag wird in Deutschland der Kriegstoten gedacht: Verteidigungsminister Thomas de Maiziere (CDU), die stellvertretende Bundestagspräsidentin Ulla Schmidt (SPD), Bundespräsident Joachim Gauck, der Präsident des Bundesrates, Stephan Weil (SPD), und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, am 17.11.2013 in der Neuen Wache in Berlin. Foto: dpa

Am Volkstrauertag wird in Deutschland der Kriegstoten gedacht: Verteidigungsminister Thomas de Maiziere (CDU), die stellvertretende Bundestagspräsidentin Ulla Schmidt (SPD), Bundespräsident Joachim Gauck, der Präsident des Bundesrates, Stephan Weil (SPD), und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, am 17.11.2013 in der Neuen Wache in Berlin. Foto: dpa

Bisher wird in Deutschland Mitte November – zwei Wochen vor dem ersten Advent – am Volkstrauertag der Kriegstoten gedacht. An diesem oder an einem anderen Tag sollten, wenn es nach Maiziere gegangen wäre, nun auch die Heimkehrer aus den Bundeswehr-Einsätzen gewürdigt werden. Am Volkstrauertag, der einst von den Nazis zum Heldengedenktag umfunktioniert wurde? Der Vorschlag stieß auf Kritik. Die Suche nach einem anderen Datum aber gestaltete sich auch schwierig. Der Beginn des ersten Auslandseinsatzes der Bundeswehr? Der Tag, an dem der erste Bundeswehrsoldat gefallen ist?

Eine Tradition entsteht nicht durch VerordnungMinister Thomas de Maizière

In vielen anderen Ländern ist der Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs – der 11. November – den Gefallenen und Veteranen gewidmet. In Großbritannien und den ehemaligen britischen Kolonien, dem Commonwealth, spricht man vom „Remembrance Day“, dem Tag der Erinnerung. In den USA heißt der 11. November offiziell Veteranentag. Die zentrale Festveranstaltung findet auf dem Soldatenfriedhof in Arlington bei Washington mit Kranzniederlegungen und einer Parade statt. Für einen Veteranentag in Deutschland hat der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus vorgeschlagen, an den „schwarzen Karfreitag“ der Bundeswehr am 2. April 2010 zu erinnern. Damals war eine Bundeswehr-Patrouille bei Kundus von den Taliban angegriffen und in ein stundenlanges Gefecht verwickelt worden. Drei deutsche Soldaten starben. „Das war der Moment, wo die deutsche Öffentlichkeit auf dieses Thema reagiert hat“, sagte Königshaus.
Am Ende rückte de Maiziere von seinem Vorschlag ab. „Eine Tradition entsteht nicht durch Verordnung“, sagte er Anfang 2013: Er denke inzwischen mehr daran, am Nationalfeiertag einen Akzent für die Veteranen zu setzen „und nicht einen eigenen Tag einführen“. Michael Schmidt